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70 DAS GEISTLICHE AMT UND DIE TODESSTRAFE.
Kunden dringen in's Land hinaus; die Gefangenen läugnen; Zeugen
wagen nicht auszusagen. Endlich erfolgt doch Lebensahspruch
und wird der Slab über jenen Gefürchteten gebrochen
und ihnen vor die Füsse geworfen. Die Galgenfrist beginnt.
Zu den armen Sündern treten Geistliche, und ihre Liebe und
Gottes Liebe in der letzten Noth schlagen gewaltig an Herzen, die
nie gefühlt, was Liebe ist. Der letzte Tag bricht an. Das Volk
drängt in dichten Reihen. Die Armensünderglocke tönt. Der
Scharfrichter, eine mächtige Gestalt mit tiefernstem Gesicht,
im Volke als halber Zauberer gefürchtet und geehrt, trägt ein
Schwert, das bald sein hundert Köpfe voll hat, und daheim bei
ihm hangen bereits zwei solcher Schwerter und wenn Einer,
der später auch gerichtet werden wird, dort eintritt, so klingen
sie leise zitternd an. Die Verbrecher nahen, muthig sich beugend
unter des Priesters Wort. Sie sterben gern: ihre Vergangenheit
ist ihnen eine Last, hienieden wartet ihnen nur Schande,
Verlassenheit, Vermoderung im feuchten, dunkeln Kerker,, droben
dagegen das Paradies. Die Häupter fallen. Ein Geistlicher
tritt vor und erzählt dem lautlos lauschenden Volk wie jene
Männer bekannt und bereut, wie ernst und fromm sie dem
Tod entgegengesehen haben und wie er hoffen dürfe, es warte
ihrer da oben ein gnädiges Gericht. Das Volk kann sie nicht
vergessen, noch heute leben sie, umhüllt von einem Sagenkreis
, in seinen Gesprächen, halb Teufel und halb Helden.
Das wäre so ein Bild von anno 1769. Es ist durchaus kein
genaues, richtiges, aber es ist das für die Todesstrafe aller-
günstigste; ihre Verlheidigcr dürfen damit zufrieden sein. Es
soll uns nur zeigen, wie viel, das vor hundert Jahren noch für
sie sprach, sich heute gegen sie gekehrt hat, sie verdammt.
Ein Mord ist geschehen. Das Volk gerälh in Aufregung, es
bangt für seine Sicherheit. Aber der Thäter, der vor hundert
Jahren vielleicht bälte verborgen bleiben können, ist bald entdeckt
. Noch ist die Stimmung des Volkes gegen ihn sehr hart,
die Polizei muss ihn schützen. Er wird eingekerkert, doch
nicht mehr in die Mördergrube; der Staat hat menschlichere
Gefängnisse und doch ebenso sichere, sicher schon darum, weil
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