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DAS GEISTLICHE AMT UND DIE TODESSTRAFE. 71
der Mörder zumeist allein steht, draussen keine Helfershelfer
mehr hat, die noch immer mit gewaffneter Hand der öffentlichen
Ordnung Trotz bieten. Die Geschwornen treten zusammen
und verhandeln frei vor allem Volk. Dessen anfängliche Härte
löst in Neugierde, Spannung, oft Theilnahme sich auf. Wird er
bekennen? Wie ward er zum Mörder? Das Schuldig erfolgt,
das Begnadigungsgesuch wird abgewiesen. Schon zuvor ist
hohe Obrigkeit um einen Scharfrichter ausgegangen, lange umsonst
. Einer hat sich endlich bereit erklärt. Vielleicht ist's der,
welcher trinken muss ehe er den Streich führt, oder jener
Andere, welcher den Tag vor dem grossen Tag keinen Bissen
über seine Lippen bringt und die ganze Nacht durch im Gebete
liegt. Es ist aber auch etwas Schreckliches für einen Menschen,
so vor aller Welt seines Nächsten Blut zu vergiessen, allein
zu lödlen, während die Andern zuschauen, deshalb angestaunt
, ausgewichen, vielleicht beschimpft zu werden, das aller-
schwerste Bichlerami zu üben und doch für das, was er selbst
dabei empfindet, nirgends die leiseste Theilnahme zu finden.
Der Scharfrichter ist also da. Dem Verbrecher wird sein Ur-
theil verkündigt. Geistliche treten bei ihm ein, sämmllich heilig
überzeugt von der Bechlmässigkeit der Todesstrafe; und
doch wird kein einziger von ihnen die Notwendigkeit derselben
gerade in dem vorliegenden Fall mit ganz freiem Herzen
zu behaupten wagen. Sie werden sich zwar im Worte Gottes
fest machen, aber wenn ihnen auch nicht wie Philipp Spee in
einer Nacht die Haare darüber weiss werden, so giebt es doch
gewiss keinen Geistlichen, der einmal in seinem Leben einen
Verbrecher ausgetröslet hat, der nicht etwas gegen die Todesstrafe
in seinem Herzen mit heim nähme. Er wirft es sich vor
und dennoch bleibt es in ihm. Jede Hinrichtung macht immer
Etliche mehr zu heimlichen oder offenen Gegnern der Todesstrafe
. Es ist kein Glauben mehr in der Sache. Und diese innerlich
selbst nicht ganz festen Geistlichen sollen nun den
Verbrecher von der Gerechtigkeit der über ihn verhängten
Todesstrafe überzeugen, sollen ihn zu seinem letzten Gange
vorbereiten, sollen ihn bekehren. Wird es ihnen gelingen? Im
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