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72 DAS GEISTLICHE AMT UND DIE TODESSTRAFE.
allerbesten Fall können sie in der Seele des Sünders eine Stimmung
wachrufen, welche Besseres zu verheissen scheint, aber
es ist immer nur ein Anfang, Gott weiss, was daraus werden
könnte; es ist ein Keim, und den müssen sie nun selber
knicken helfen. Es giebt Verbrecher, welche früher ein geistiges,
höheres Leben gelebt haben, die dann tief gesunken sind, deren
besseres Selbst gerade in diesen Augenblicken weinend um die
verlorne Unschuld in Reue und Schmerz hervorbricht und dem
Licht von oben neu sich erschliesst. Diese Menschen sind ein
Zeugniss von der unsterblichen Kraft des einmal in die Menschenseele
gelegten Gotteswortes. Doch was Gott jetzt an ihnen
thut, ist blosse Verheissung; nun erst will er zeigen, dass
diesem Samenkörnlein in der Seele auch die Kraft inwohne,
Sünde und Welt zu überwinden und einen Auswürfling der
Menschheit zu einem Kinde Gottes zu machen. Aber ehe er
nun seine Verheissung erfüllen kann, schicken wir ihm diesen
Menschen hinüber und sagen: »Wir wissen nichts mehr mit
ihm anzufangen, siehe du zu, wie du mit ihm fertig wirst".
Immerhin sind so geartete Verbrecher blosse Ausnahmen. Die
allermeisten haben ein eigentliches geistiges und religiöses Leben
nie in sich getragen. Für ein solches Leben zumal in
altern Menschen lässt sich der Boden nicht in Wochen, geschweige
denn in Tagen bereiten; die Worte der Geistlichen
finden kein Verständniss in diesen Herzen, klingen da nicht
wieder; ihre Tröstungen werden auf Befehl nachgeplappert oder
zum Ruhekissen für das Gewissen benutzt. Unsere Geistlichen
sind unbefriedigt: sie nehmen es ernster mit dem Bekehren als
eine frühere Zeit, sie verheissen den Himmel nicht so leicht,
sie sind diesseitiger geworden. Noch dürfen sie für den Verbrecher
nicht hoffen. Sie wollen nochmals beginnen, doch die
Zeit drängt, da wird schon die Familie des Verbrechers zum
Abschiednehmen zu ihm hereingebracht. Da bricht auf einmal
des Gatten und des Vaters oder des Bruders Herz auf, er ist
ja nicht ganz verstockt, eine Saite im Herzen klingt an, er ist
noch zu bessern, noch zu reiten — wenn eben nur Zeit bliebe»
da ihn zu fassen, wo sein Herz noch offen steht. Umsonst. Zu
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