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DAS GEISTLICHE AMT UND DIE T0DESSTH AFE.
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spät. Nicht um die ganze Welt. Die Stunde ist da. Es gehl sehr
militärisch, militärisch pünktlich zu bei jeder Hinrichtung. Das
Volk wartet ungeduldig und will sein Opfer haben. Die schaulustige
Menge ist aus zwei deutlich sich von einander abhebenden Classen
zusammengesetzt, aus der städtischen Bevölkerung der untern
Schichten und aus der ländlichen Bevölkerung ziemlich aller
Schichten, dort mehr Frauen, hier mehr Männer. Wirkt diese
Hinrichtung abschreckend auf jenes Volk ? Ist es denn gerade
diese Strafe und nicht vielmehr die Gewissheit des Bestraft Werdens»
gleichviel mit welcher Strafe, was abschreckt (Texas unter
Johnson) ? Sei dem wie ihm wolle, jedenfalls jene Städler werden
nicht abgeschreckt, für sie ist es ein Schauspiel ohne Eintrittsgeld
; wer einmal in seinem Leben am Fusse des Schaffots
unter diesem städtischen Pöbel gestanden hat, der weiss das
für immer, der hat sich entsetzt über die blutdürstige Boheit
des Volkes, schon der Männer und dann erst der Frauen —o, diese
Frauen! Viel ernster ist der Landmann gestimmt. Was will er
aber hier? Sich die Gerechtigkeit Gottes oder die schöne Einheil
von Kirche und Staat mit ansehn ? Zunächst will er zu Gericht
sitzen. Er hat den gerichtlichen Verhandlungen nichl beigewohnt
, sie hätten ihn ganze zwei Tage gekostet und den Unterhalt
in der theuren Stadt. Jetzt will er sein Urlheil fällen — nach dem
Augenschein. Er ist für die Todesstrafe, man sei in seiner Familie
immer dafür gewesen; nur die, welche an keinen Gott
und keine Ewigkeit glauben, seien dagegen, er weiss nicht warum
, aber es gebe deren heutzutage sehr viele. Er wird daher
Alles was er heute sieht, möglichst zu Gunsten der Todesstrafe
auslegen. Betritt der Verbrecher das Schaffet gefasst und
würdig, so verzeiht er ihm ; jener Mensch hat ihm zwar nichts
zu Leide gethan, aber er verzeiht ihm gleichwohl und wünscht
ihm die ewige Seligkeit, der habe jetzt abgebüsst und sie verdient.
Benimmt der Verbrecher sich roh, so zürnt er ihm und wünscht
jetzt ihm erst recht den Tod. Am meisten bewegt ihn gänzliche
Fassungslosigkeit des armen Sünders und je nach dessen Vergangenheit
überkommt ihn eine gewisse Bachelust oder aber
ein leiser Zweifel an der Notwendigkeit einen so gebrochenen
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