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ſtürmiſch aufgefordert wurde,
ſchrieben Adreſſen, in denen die Regierung
das Wahlrecht
auszudehnen.
Der Miniſter, dem damals der König ſein
volles Vertrauen geſchenkt hatte, war Guizot,
ein ſtrenggläubiger Proteſtant und aufrichtig
frommer Chriſt, aber eigenwillig und ſtarr in
ſeinen Grundſätzen. Der wollte von der ver⸗
langten Reform nichts wiſſen. Auf den 22. Fe⸗
bruar war in Paris wieder ein Bankett be⸗
rufen, die Regierung verbot die Abhaltung
und ließ den Saal durch Soldaten beſetzen.
M Das ſchlug dem Faß den Boden aus. Es kam
einem Volksauflauf, Barrikaden erhoben
ſich. Vor dem Miniſterium ſtieß die Menge
auf eine Kompagnie Soldaten, der Offizier
gab in ſeiner Angſt Befehl zu feuern, entſetzt
ſtäubte die Menge auseinander, aber als der
Pulverdampf ſich verzogen hatte, lagen 20
Tote und Verwundete am Boden. Ein Wut⸗
geheul ertönte, die Leichen wurden auf einen
Karren geladen und durch die Straßen ge⸗
fahren, ganz Paris war auf den Beinen und
verlangte vieltauſendſtimmig die Abſetzung des
Königs. Der bedrängte König berief Thiers
und Molé zu Miniſtern und dankte zu
Gunſten ſeines Enkels ab, die Herzogin
von Orléans ſollte bis zu deſſen Mündig⸗
keit Regentin ſein. Aber es war zu ſpät. Als
die Herzogin ſich eben zur Kammer begab,
um ihren Sohn den Volksvertretern zu prä⸗
ſentieren, ſtürmte auf der andern Seite der
Pöbel herein. Die Abgeordneten flüchteten ſich,
der Präſident kroch unter die Tribune, die
Regentin und der junge König kamen arg in
die Klemme und waren froh als ſie heil
wieder draußen waren. Am Abend des
24. Februar verließ der König heimlich und
ſchleunig die Tuilerien, ſeine Familie folgte
ihm in der Nacht, und mit dem Königtum
war's wieder einmal in Frankreich zu Ende.
An jenen Tagen ſchauten die Straßburger
oſt und viel zum Telegraphen auf dem Chor
des Münſters empor, der unabläſſig von
Morgens bis Abends mit ſeinen langen
Leitern Depeſchen aus Paris dem Beamten
übermittelte, der gegenüber im Schloß dar⸗
nach ausguckte, und zerbrachen ſich den Kopf,
was der Lebenstag wohl bedeute. Am 25.
Februar aber ſtand der Kalenderſchreiber zu⸗
fällig bei ſeiner Tante unter der Gewerbs⸗
laube, als mit einem Male die Pariſer Dili⸗
gence im Galopp ihrer vier Pferde vorbei⸗
jagte, vorn wehte zum allgemeinen Entſetzen
eine große rote Fahne. Auf dem Alten Fiſch⸗ †
markt, wo der Poſtwagen hielt, ſtrömte die
Menge zuſammen und vernahm aus dem
Munde der Paſſagiere die Schreckenskunde:
In Paris iſt Revolution! Tags darauf kam
dann ein Kurier an, der am Donnerstag abend
Paris verlaſſen und brachte im Namen der
proviſoriſchen Regierung die kurze, aber in⸗
haltsreiche Botſchaft:
Der König iſt abgeſetzt, die Republik pro⸗
klamiert! Keine Bourbonen
Republik!
2. Kurze republikaniſche Herrlichkeit.
—
fühlen. Einige wenige erwarteten von
ihr eine neue beſſere politiſche Wirt⸗ D’MD
ſ ſchaft, einen Aufſchwung der Nation;
andere dachten nur an ſich und hofften im
trüben etwas für ſich zu fiſchen, ein gutes
Plätzchen oder ſonſt etwas; andere waren
der Meinung, mit der Republik komme der
Himmel auf die Erde; viele ſtellten ſich
nur ſo, als freuten ſie ſich, im Grunde war
ihnen Angſt für ihren Geldſack. An einigen
Orten unſeres Landes zeigten die Leute ein
merkwürdiges Verſtändnis für Volksfreiheit,
ſie fielen nämlich auf die Juden her, hauten
drein und raubten nach Herzensluſt, und waren I
ſehr entrüſtet als die Regierung ſich in's
Mittel legte; was hilft's uns, dachten ſie, wenn
Ludwig Philipp geht und der Itzig oder der 3
Doved oder der Mojüſche bleibt mit ſeinen
Wechſelchen und Handſchriften? Großes Ver⸗
gnügen bereitete unſern Großvätern, daß die
Nationalgarde wieder aufgerichtet wurde,
die Straßburger taten gern als Erwachſene,
was ſie als Kinder ſo liebten, nämlich:
Soldätels ſpielen. Hei, wie wurde auf der
Finkmatt exerziert und im Schritt marſchiert,
und als nach einigen Wochen auf dem Kleber⸗
platz eine große Parade ſtattfand, da ſtampfte
die Bürgerwehr energiſch hinter den Truppen
her, obwohl viele noch nicht einmal eine
mehr, es lebe die
ie Republik wurde überall mit Jubel .
begrüßt, aber aus verſchiedenen Ge⸗.
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