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23.
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Uniform trugen. Am 2. März wählte der
“ Gemeinderat Herrn Guillaume Lauth zum
Bürgermeiſter. Dann kamen die Wahlen für
die Nationalverſammlung an die Reihe, und
diesmal durften alle Franzoſen die 21. Jahre
hinter ſich hatten das Wahlrecht üben. Am
April fanden die Wahlen ſtatt, natürlich
fgamen lauter wackere Republikaner aus der
Urne, an der Spitze der Advokat Lichten⸗
berger, dann bekannte Männer, wie Chauf⸗
four, Martin, Gloxin. Die Herren Eiſſen,
Börſch, Kratz waren Regierungskommiſſare.
Am 4. Mai wurde die Nationalverſammlung
zu Paris feierlich eröffnet unter dem Ruf:
Vive la République! Vive le Gouverne-
ment provisoire!
Abber es war bereits in den ſchäumenden
Lelch republikaniſcher Begeiſterung ein bitterer
Trropfen gefallen. Die reichen und wohlha⸗
benden Bürger des Landes hielten nämlich ihre
Geldſchublade zu, teils aus Arger darüber,
daß ſie jetzt nicht mehr die regierende Klaſſe
waren, teils aus Furcht, das ſiegreiche Volk
möchte ihnen hineingucken, manche vergruben
ſogar ihr Geld im Keller. Die Banken machten
es gerade auch ſo, ſie gaben keine Vorſchüſſe,
keinen Kredit, es blieb für manchen Fabri⸗
kanten, der durchaus Geld brauchte, zu ſeiner
Demütigung nur das Verſatzhaus übrig. In⸗
folge davon wurde nichts unternommen,
nichts gebaut, alles lag brach, die Geſchäfte
gingen ſchlecht, die kleinen Handwerker,
Tagner, Fabrikarbeiter waren in übelſter Lage,
haufenweiſe zogen ſie in den Straßen herum
und ſchrieen nach Verdienſt und Brot. Um die
Unglücklichen zu befriedigen, beſchloß die Re⸗
gierung die Gründung von Nationalwerk⸗
ſtätten, die Arbeitsloſen ſollten auf Koſten
des Landes und der Städte beſchäftigt werden.
Bei uns in Straßburg gab man vielen Hun⸗
derten eine Schaufel in die Hand, ſchickte ſie
auf die Rheininſel und hieß ſie dort im Sumpf
Gräben ziehen und Dämme aufwerfen, nur
daß ſie etwas zu tun hatten. Aber die Stadt
hatte bald keine Mittel mehr und befahl den
Arbeitern, daß ſie wieder heimgehn.
Der Bote erinnert ſich, wie er damals in
der Schule ſaß und mit ſeinen Mitſchülern
lange vergeblich auf den Lehrer wartete
(Winter, hieß er, Gott hab' ihn ſelig!).
Endlich trat er ein, in der Uniform der
Nationalgardiſten, aber ſeine Haltung war
wenig militäriſch, denn er zitterte ſo, daß er
ſich mit beiden Händen auf den vorderſten
Tiſch ſtützen mußte. „Kinder, Kinder, ſtotterte R
er mühſam heraus, es iſt Revolution! Geht
in Gottes Namen heim!“ Das ließen wir
uns natürlich nicht zweimal ſagen. Daheim
wurden die Schulſäcke in die Ecke geworfen
und die hölzernen Flinten ergriffen. Dann
gings im Laufſchritt dem Broglie zu. Dort
hatten ſich in der Tat eine Anzahl arbeits⸗
loſer Männer unter den Fenſtern des Ge⸗
meinderats geſammelt, um es zu erzwingen,
daß man ſie beſchäftige. Als wir ankamen,
hatten ſie ſich bereits vor den heranmarſchie⸗
renden Truppen zurückgezogen, und das war
gut, ſonſt hätten wir ihnen übel mitgeſpielt.
In Paris ging es nicht ſo harmlos zu. Da
kam es infolge der Schließung der National⸗
werkſtätten zu einem Aufſtande, viele Tauſende
kamen bewaffnet auf die Straßen und ver⸗
langten den Sturz der Regierung. General— .
Cavaignac marſchierte mit den Truppen —
gegen ſie los, drei Tage lang (24 — 26. Juni)
der Kampf, floß das Blut. Auf beiden —
Seiten fielen zahlreiche Kämpfer, nicht weniger ſ
als 9 Generäle opferten ihr Leben in dieſem—
fürchterlichen Bruderkriege. Auch der Erz⸗.
wütete
biſchof von Paris, Monſeigneur Affre, fand
den Tod. Das Kruzifix in der erhobenen
Rechten beſtieg er eine Barrikade, um die
erbitterten Gegner zur Verſöhnuung zu be⸗
ſtimmen und fiel von einer Kugel getroffen. .
General Cavaignac wurde zum Präſidenten
der Exekutivgewalt gewählt und zog nun ſchärfere
Saiten an. Die Republik erhielt jedoch durch
die ſogen. Junitage einen Stoß, von dem ſie “”MM
ſich nicht wieder erholte; die einen, die Wohl⸗
habenden und Bemittelten, fühlten ſich nicht
mehr ſicher unter ihr, die anderen erkannten,
daß es mit der Republik nicht getan iſt, daß
die Republik denn doch kein Heilmittel iſt wider ſ
alle Schäden, und das mag ſich der wohl⸗ R
meinende Leſer ein für alle mal geſagt ſein
laſſen. Es gibt ja auch unter uns Leute, die
von Umſturz träumen und ſchwärmen, und ’
meinen, es genüge, daß an die öffentlichen
Gebäude die Worte Freiheit, Gleichheit,
Brüderlichkeit geſchrieben werden, damit
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