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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/gute_bote_1908/0042
1. Die Sünde iſt der Leute Verderben.
(Sprüche 14, 34.)

Kilt das noch? oder iſt es
Inicht vielmehr veralteter jü⸗
Oſiſcher Aberglaube, albernes
/Gerede zum Kinderfürchten⸗
(machen? Schon das Wort
& Sünde ruft dei dem moder⸗
AInen Menſchen ein verächtli⸗
ches Lächeln hervor. Kann
. denn der Menſch etwas für
das, was er treibt und tut? Ich ging einmal
hinter dem Sarg einer Mutter, an der Seite
des einzigen Sohnes derſelben, der durch ſein
liederliches Leben und ſein rohes Benehmen
die Mutter förmlich zu Tode gequält hatte.
Meine ernſten Vorhaltungen hörte er mit
auffälliger Ruhe an, dann kehrte er ſich mit
inem Mal mir zu und ſagte: „Was wollen
Sie denn, Herr Pfarrer? So bin ich halt!
Das iſt mein Charakter!“ Es war ein Holz⸗
ſäger, der ſo redete, aber, was er ſagte, war
durchaus modern gedacht. Jedes Weſen ge⸗
horcht ſeiner Natur, warum ſollte es bei dem
Menſchen nicht auch ſtatthaft ſein, daß er tut,
wozu er innerlich getrieben wird, daß er ſich
auslebt, wie man ſagt, und ſein Leben genießt,
ſo gut er kann? Freilich, wenn einer ſchädlich
ſiſt, muß man ihn einſperren, in ein Zuchthaus
oder in ein Irrenhaus, — das ſoll man aber
beileibe nicht als Strafe anſehn. Und was
dem Menſchen zuſtößt, das iſt ſein Schickſal,
der eine hat Glück, der andere hat Unglück,
wie's trifft; der eine ſitzt bequem in ſeinem

wird von dem unheimlichen Fuhrwerk erfaßt
und von ſeinen Rädern zermalmt; dem einen
gelingt ſein Streich und er ſteht im Anſehn,
dem andern mißlingts, und er gilt als Schurke,
ſo geht's im Leben! — Ja, ja, das würde ſchon
einleuchten, wenn das Gewiſſen nicht wäre!
Aber das Gewiſſen läßt ſich nun einmal nicht
wegdisputieren oder abdekretieren, wie viele
gerne möchten. Man kann es wohl einſchläfern
oder mit Füßen treten, totſchlagen kann man

Alte Weisbheit.

Automobil und ſauſt durch die Welt, der andere ſ

es nicht. Es ſchweigt oft lang und tief, aber
plötzlich, man weiß oft nicht warum gerade
jetzt, ſchreit es auf, daß auch Taube und Tote
es hören müſſen: Menſchenkind, Menſchen⸗
kind, daß es dir ſo geht, iſt deine Schuld!
dein bodenloſer Leichtſinn, deine Bosheit, deine
Untreue haben dich ſoweit gebracht!
Die Sünde iſt der Leute Verderben,
— freilich nicht immer gleich, nicht immer
äußerlich. Der reiche Mann, im Gleichnis, iſt
nicht der einzige, der, trotz ſeiner Sünden, bis
an ſein Ende herrlich und in Freuden lebte.
Es gibt Perſonen, die betrogen und geſtohlen
haben und das unrechte Gut in Ruhe und
Ehre genießen. Ich treffe oft auf der Straße
eine Frauensperſon, die noch vor einigen
Jahren ſo ſchlecht war als man ſein kann.
Zuletzt gelang es ihr, einen Liebhaber feſtzu⸗
halten, jetzt iſt ſie eine vornehme Dame und—
ſchaut, wenn ſie ſeiderauſchend vorbeigeht, e
höhniſch auf ihre früheren Schulfreundinnen n
herab, die brav und arm geblieben ſind. “
Wer möchte aber mit ſolchen Menſchen —
tauſchen? Das müßten oberflächliche Leute —
ſein! Weißt du denn, wie es in ihren Herzen
ausſieht, wie viele innere Zerriſſenheit, Selbſt⸗
verachtung, Unruhe und Angſt ſich unter
äußerlicher Behäbigkeit und ſchrankenloſer
Weltliebe verbirgt. Während der äußere
Menſch gedeiht, wie verwüſtet und zernagt
die Sünde das Innere, wie lähmt ſie jedes
höhere Streben und erſtickt alle edeln Triebe!
Die Gelehrten und Gebildeten reden viel von
der Unabänderlichkeit der Naturgeſetze. Schön,
aber wie es ein Naturgeſetz gibt, ſo gibt
es auch ein Sittengeſetz, und beide haben—
eine Ordnung gemeinſam: Wie die Saat;,.
o die Ernte! Es hat noch Niemand, ſeit
die Welt ſteht, Weizen geſäet und Korn ge⸗
erntet. Ebenſowenig iſt es möglich, daß einer—
lügt und ſtiehlt, und es damit wirklich zum—
Glück bringt, daß einer ſeinen Lüſten frönt
— grob oder fein — und darin den Frieden
findet. Was der Menſch denkt, tut und redet,
Tag für Tag, Jahr für Jahr, was er ſucht
und anſtrebt, liebt und haßt, begehrt und
genießt, das iſt ſeine Ausſaat. Die ausge⸗

83. S & S B S

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ſtreuten Körner ſind lange in der Erde ver⸗


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