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borgen, und wenn ſie emporkeimen, ſo weiß
man noch lange nicht, iſt es Roggen oder
Gerſte. Aber einmal kommt's an den Tag, was
man geſäet hat, einmal ſtellen ſich die Folgen
der Handlungen ein, daran iſt nicht zu rütteln,
uund wer klug iſt, tut wohl, ſich darnach zu
kiüichten.
2. Ein vernünftig Weib kommt vom Herrn.
(Sprüche 19, 14.)
aus und Güter vererben die El⸗
tern, heißt es vorher. Wem es alſo
um Geld und Gut zu tun iſt, der
braucht nur vorſichtig zu ſein in der
Wahl ſeiner Schwiegereltern, wenn
er nicht ſchon früher vorſichtig geweſen iſt
in der Wahl ſeiner Eltern, dann kommt ihm
einmal ganz von ſelbſt der gewünſchte Reich⸗
tum in den Schoß, Heiraten iſt dann einfach
ein Geſchäft, eine Spekulation wie eine andere,
eine Berechnung, man kann durch eine Anzeige
in der Zeitung oder durch diskrete Mitwirkung
eines Agenten zum Ziel kommen. Aber —
föhrt die Spruchweisheit fort — ein ver⸗
mnünftig Weib kommt vom Herrn. Das
heißt einmal, daß ein vernünftig Weib mehr
wpert iſt als aller Reichtum, und ſodann, daß
das Glück ein ſolches Weib zu beſitzen eine
ganz beſondere Gnade Gottes iſt. Ich ſehe
noch das ſtrahlende Geſicht eines jungen
Mannes, der mir ſeine Verlobung meldete,
mit verſchmitztem Lächeln hinzufügend: „Sie
hett ebs! ſie hett viel!“ und das jammervolle
rachher, als er tanzen mußte, wie die reiche
Gemahlin ihm vorſpielte, und jeden Morgen
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in den Kaffee gebrockt bekam, er ſei von Haus
n aus ein armer Schlucker.
„ Abbber warum ein vernünftig Weib? Ver⸗
4 nünftig, das klingt ſo kalt, ſo proſaiſch. Sind
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nicht andere Tugenden einer Frau rühmens⸗
werter? Wenn es z. B. hieße: Ein treu
Weib! Iſt es nicht ein ganz beſonders köſtlich
Ding, wenn einer ſagen kann: Ich habe eine
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Fryrau, auf die ich mich verlaſſen kann, daß
t, ſie mir in Freud und Leid unentwegt zur
t Seite ſteht? Oder ein fleißig Weib, die
d unermüdlich die Hände rührt, dem Mann ein
⸗ behagliches Heimweſen zu bereiten? Oder ein
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Unmut von der Stirne des Mannes ſtreichelt?
Schönheit, Liebenswürdigkeit, ſind wahrlich
auch nicht zu verachten. Aber es ſteht nun
einmal: ein vernünftig Weib, und mich
dünkt, daß der alte Weiſe wohl wußte, was
er damit ſagen wollte. Mich dünkt, daß ein
ſo begabtes Weib eine Eigenſchaft hat, die
allen andern die Krone aufſetzt, aber darum
auch ſeltener als alle andern iſt.
Aber was heißt das: ein vernünftig Weib?
Iſt das eine gelehrte Frau, die in den
Wiſſenſchaften bewandert iſt, und über Politik,
Metaphyſik, und was weiß ich, ein gewichtiges
Wort mitreden kann? Eine ſolche bekäme man
von der Hochſchule und von den Profeſſoren,
aber nicht vom Herrn, und ein Doktordiplom—
iſt noch lange kein Beweis, daß eine Frau
imſtande iſt, einen Mann glücklich zu machen.
Ein vernünftig Weib iſt eine ſo köſtliche Sache.
weil es etwas ſo durchaus einfaches iſt. Ein
vernünftig Weib iſt, kurz geſagt, eine Frau—
die erkennt und bekennt, das zweimal
zwei vier iſt. ä
Nun macht der Leſer ein erſtauntes Geſicht,
ich ſeh's von weitem. Iſt das Unſinn! denkt—
er. Welche Frau würde nicht behaupten und
zugeben, daß zweimal zwei vier macht? Sie
müßte denn für die Irrenanſtalt reif ſein!
Ja, aber auch dann, wenn der Mann ſagt:
Zweimal zwei macht vier? Es kommt in der
beſten Ehe ab und zu einmal zu Auseinander⸗
ſetzungen, und da kann es geſchehen, daß der—
Mann einen Satz hinſtellt, der ſo klar und—
zweifelsohne iſt wie 2 ₰ι 2 = 4. Die Frau
kann auch gar nicht anders als ihm im
Grunde ihres Herzens Recht geben. Aber ſie
gibt's nicht zu! Unter keinen Umſtänden!
Warum? Dann hätte ja der Mann recht
und die Frau unrecht, und das darf nicht
ſein, nein, nein! Der Mann bildet ſich ſchon
genug ein auf ſeine Manneswürde, er ſoll
nicht noch hochmütiger werden als er ſchon
iſt. Nur um der weiblichen Ehre nichts zu
vergeben, um dem Herrn der Schöpfung zu
zeigen, daß man nicht vor ihm zum Kreuze
kriecht, behauptet die Frau ſteif und feſt das
Gegenteil von dem was der Mann ſagt:
Zweimal zwei iſt fünf! Mit andern Worten:
Es gibt Frauen, die haben einen Wider⸗
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ſanftes Weib, das mit linder Hand die
ſpruchsgeiſt. Wenn ſie davon befallen ſind, ſo
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