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Oder wie jener Ruſſe! Der geneigte Leſer
halte es dem Alter des Kalendermanns zu gut,
wenn er ſchon wieder eine Geſchichte auftiſcht.
Ein Bekannter war auf einer Geſchäftsreiſe
in Petersburg und ſpazierte eben bei grimmiger
Kälte — ich weiß nicht, welchen „Proſpekt“,
nie die Ruſſen die ſchönen breiten Straßen
nennen — dahin, ohne zu achten, daß, obſchon
ſein Körper in einem ſehr ſchönen warmen
Pelz gehüllt war, er doch mit dem größten
Teil ſeiner werten Perſon nackt und bloß
ging, nämlich mit ſeiner Naſe. Aber das
merkte er, daß die Vorübergehenden ihn alle
ſehr ſcharf anſahen, und fühlte ſich dadurch
anfangs in ſeiner Eigenſchaft als „Schilkemer“
ganz geſchmeichelt. Als jedoch die Vorüber⸗
gehenden ihm einige Worte zuriefen, die er
nicht verſtand, weil ſie natürlich ruſſiſch waren,
wwuPurde ihm die Sache denn doch ärgerlich,
und er erwiderte mit ſaftigen Schilkemer
Liebenswürdigkeiten, die die andern zum Glück
ebenſowenig verſtanden als er ihre Rede. Wie
wurde ihm aber zu Mut, als mit einem Male
unverſehens ein langer bärtiger Kerl ihn
anfaßte, feſthielt, dann ſich bückte, die Hand
mit Schnee füllte und ihm die Naſe ſo kräftig
rieb, daß er „das Feuer im Schwarzwald“
ſah, was bei der großen Diſtanz doch ſehr
wunderbar iſt, und ihm zuletzt Hören und
Sehen verging. Dann machte ihm der unge⸗
RDW ſchlachte Ruſſe ein höfliches Kompliment und
ging davon. Als unſer Schilkemer ſich einiger⸗
maßen vom Schreck erholt hatte, fing er
natürlich an zu ſchimpfen was das Zeug hielt,
diesmal kam aber einer vorbei der des
Deutſchen mächtig war, wenn auch nicht des
Deutſchen das in Schiltigheim geſprochen
wird, und der erklärte ihm, daß ſeine Naſe
am Erfrieren geweſen und, daß der Ruſſe
ihn durch ſein grobes Reiben vor dem Schick⸗
ſal bewahrt hatte, naſenlos in die Heimat
zurückzukommen. Siehe, das nennt der Dichter:
Gold'ne Rückſichtsloſigkeiten!
Ein böſer Tag, ein Tag, wo einem was
paſſiert, wo die Milch anbrennt oder einem
ein koſtbarer Gegenſtand zerbricht, wo ein
Geſchäft fehl ſchlägt oder die Magd kündigt,
wo man es mit wunderlichen Leuten zu tun
hat oder ſelber verdrießlich aufgeſtanden iſt
und ſich über jede Kleinigkeit ärgert, wo
einem die Arbeit nicht von der Hand geht,
oder wo man ſich die Zunge verbrenntt.
Es kommt gewöhnlich eins zum andern, ein
Mißgeſchick gibt dem andern die Hand. Hat
man großes Reinmachen, ſo klopft gewis
im ſchlimmſten Augenblick ein unangenehmer
Beſuch; fällt die kleine Marianne auf dem
Schulweg in den Dreck, ſo kommt gewis
eine Stunde ſpäter die Sophie heulend mit
zerriſſenem Röckchen nach Haus. Nimm den
böſen Tag auch iur gut. Heißt das: Mache
gute Miene zum böſen Spiel? ſage, wie jener
höfliche Mann, dem du auf den Fuß getreten
biſt und den du um Entſchuldigung angehſt:
Bitte, es war mir ſehr angenehm? Das
wäre wenig! Nein, den böſen Tag für gut
nehmen heißt ihm eine gute Seite abgewinnen.
Er kommt von Gott, alſo hat er uns etwas
zu ſagen, etwas zu bringen, wir ſollen ihh
uns zum beſten dienen laſſen, und wenn's nur
wäre, daß er uns aufrüttelt aus unſerm
Schlendrian, aus dem behäbigen Dahinleben
und uns zur Selbſtbeſinnung bringt, oder, daß
wir uns im Gefühl unſerer Ohnmacht demüü⸗
tigen vor Gott, oder, daß wir nachher für die—
guten Tage um ſo dankbarer ſind.
Der gute Bote hat ein ganz beſonderes
Mittel entdeckt, um einem böſen Tag den
Stachel zu nehmen. Er gedenkt dafür ein
Reichspatent zu nehmen und viel Geld zu
verdienen. Da der Leſer und er aber gute
Freunde ſind, ſo will er es ihm im Vertrauen
gratis verraten. Das Rezept lautet: Haſt du
etwas unangenehmes erfahren, ſo er⸗
ledige flugs ein unangenehmes Ge⸗
ſchäft! Nicht wahr, etwas Unangenehmes
hat man immer auf dem Schaft, man hat
einen unangenehmen Gang zu machen, einen
peinlichen Brief zu ſchreiben, eine Schub⸗
lade zu ordnen, eine Kammer zu reinigen,
irgend etwas. Man hätte es ſchon längſt
beſorgen ſollen, aber man ſchiebt es auf von
Tag zu Tag, von Woche zu Woche, warum?
Man will ſich damit den Tag nicht verderben.
Nun kommt einmal ein Tag, der ſo wie ſo
verdorben iſt, wie geſagt, ein böſer Tag, du
biſt in recht böſer Stimmung und weißt nicht
was tun, um den Tag herumzubringen. Vor⸗
trefflich, das iſt ein Tag gerade wie geſchaffen,
um jene unangenehme Arbeit zu verrichten.
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