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Schnell ans Werk! Haſt du dann das dumme
Geſchäft zu Ende gebracht, ſo atmeſt du er⸗
leichtert auf, ein Stein iſt dir vom Herzen
geefallen, du biſt ganz froh über den böſen
Tag, der dich über eine böſe Sache hinaus⸗
gehoben hat, und die Erinnerung an das
Schlimme, das dir widerfahren iſt, wird
gänzlich verwiſcht durch die Erinnerung an
das unangenehme Geſchäft, das du glücklich
mit Hilfe eben dieſes böſen Tages hinter dich
gebracht haſt. Probatum est. D
Während der Kalendermann dieſen Aufſatz
niederſchrieb, trat ein guter Bekannter ver⸗
gnügt in ſein Stübchen. „Weißt du, wem ich
eben auf der Straße begegnet bin? Dem
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Sch., der mir grollt, ich weiß gar nicht
warum, und mir ſchon ſeit Monaten ein Geſicht
ſchneidet! Und weißt du, was ich gemacht
habe? Ich bin auf ihn zu, habe ihm die Hand
geſchüttelt, mich nach ſeinem werten Befinden
erkundigt, und ſo freundlich zu ihm geredet,
bis er endlich, ſo viel Anſtrengung es ihm
ſichtlich koſtete, auch ein freundliches Geſicht
anfſteckte. Den habe ich dran gekriegt!“ —
Siehe, das meint der Apoſtel, wenn er ſagt:
Überwinde das Böſe mit Gutem! Und
ſo hat es auch der alte jüdiſche Weiſe mit
ſeinem Sprüchlein gemeint: Zwinge dem
böſen Tag ein freundliches Geſicht ab,
indem du ihn freundlich aufnimmſt!
m 28. April 1894 trat ein junges
Mädchen Namens Helene als
Probeſchweſter in das Caſſeler
ON Diakoniſſenhaus. Zuerſt wollte ſie
We ſich zur Kleinkinderlehrerin aus⸗
S W bilden laſſen, aber bald glaubte
WBVe? ſie als Krankenpflegerin dem Herrn
E e beſſer dienen zu können. 1895
wDurde ſie Gemeindeſchweſter zu Eſchwege,
ihre Wirkſamkeit fand jedoch ein frühes Ziel,
nach wenigen Monaten kehrte ſie in das
Mutterhaus zurück, von einer Krankheit er⸗
faßt, in der die AÄrzte bald die entſetzliche
Gelenktuberkuloſe erkannten. Nun folgte eine
Operation auf die andere, zuerſt wurde ihr
er linke Fuß und der rechte Arm abge⸗
nommen, dann der linke Arm und das rechte
Bein. Umſonſt, ſie geſundete nicht. Immer neue
Geſchwüre bildeten ſich, immer neue chirur⸗
giſche Eingriffe wurden notwendig. So lag
ſie noch neun Jahre darnieder, aller Glieder
beraubt, von furchtbaren Schmerzen gepeinigt,
ein armes hilfloſes Geſchöpf. Und dieſes
namenloſe Schickſal ertrug ſie nicht bloß ohne
Murren noch Bitterkeit, ſondern in völliger
Schweſter Lenchen.
Ergebung unter Gottes Willen, mit einem
innern Frieden und einer Freudigkeit, die alle
ihre Pflegerinnen in Staunen verſetzte, und
mit einer Dankbarkeit für die geringſte Dienſt⸗
leiſtung, ſodaß ſie pflegen eine Luſt war.
Allen, die ihr nahen durften, war ſie ein
lebendiges Zeugnis von der Kraft des Herrn,
die in den Schwachen mächtig iſt, Ströme
des Segens und des Troſtes gingen von
ihrem Stübchen aus. Auch Ihre Majeſtät
die Kaiſerin verſäumte nie ſie aufzuſuchen,
ſo oft ſie in Kaſſel war, und ſich an dem
heitern Glauben der ſtillen Dulderin zu er⸗
bauen. .
Am letzten Charfreitag ſchlug für ſie die
Stunde der Erlöſung. Für ihre Mitſchweſtern
und Freunde war ihr Hinſcheiden ein großer
Verluſt. Die Kaiſerin ließ einen Lorbeerkranz
auf ihren Sarg legen. Der Pfarrer, der die
Trauerfeier hielt, wählte zum Texte die Worte:
Die Krankheit iſt nicht zum Tode, ſon⸗
dern zur Ehre Gottes. Ja, wahrlich, ſo
war's mit der Krankheit von Schweſter
Lenchen. Wir aber wollen uns ſchämen, daß
wir ſo wenig tragen und ertragen können
ohne Geduld und Glauben zu verlieren, und—
mit unſerer Wehleidigkeit unſerer Umgebung
ſo oft eine ſchwere Laſt ſind!
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