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as kleine Empfangzimmer des
otel Continental war hell er⸗
leuchtet, etwa zwanzig Herren
in Geſellſchaftsanzug ſaßen um
den Tiſch in geſammelter Stim⸗
& mung. Es waren die Aktionäre
der Chemiſchen Fabrik, die ihre
diesjährige Generalverſammlung
abhielten. Der Vorſitzende des Verwaltungs⸗
rats, Kommerzienrat Fellbach, trug den Bericht
über den Geſchäftsgang des letzten Jahres vor
und je länger er las, je mehr erhellten ſich
die Geſichter. Vor 16 Jahren war die Fabrik,
nach dem Tod des Gründers, in eine Aktien⸗
geſellſchaft umgewandelt worden, aber ſie
ſchien ein verfehltes Unternehmen. In den drei
erſten Jahren fielen noch eine paar magere
Prozente ab, dann gab's nichts mehr zu ver⸗
teilen, ſchließlich mußte noch draufgelegt
werden. Nun, die Herren waren alle in der
Lage Opfer zu bringen, aber zu viel iſt zu
viel, ſchon war von Liquidation die Rede, als
der Vorſchlag gemacht wurde, es mit einem
nenuen Direktor zu verſuchen. Die Stellung
wurde ausgeſchrieben, es meldete ſich ein
iunger Oſtpreuße. Ein Norddeutſcher! Die
Herren verzogen den Mund, aber die Not
zwang in den ſauern Apfel zu beißen, und —
ſie hatten es nicht zu bereuen. Es war groß⸗
artig wie nun auf einmal Schwung in das
Geſchäft kam. Eine Farbe, für die der junge
Mann ein Patent beſaß, ſchlug mächtig ein,
ſogar aus den Vereinigten Staaten kamen
Beſtellungen in Menge; andere, bis jetzt ver⸗
ſchmähte Artikel, wurden mitgeriſſen in den
Erſolg, binnen kurzem mußte die Zahl der
Arbeiter verdoppelt werden, und heute, nach
zwei Jahren, ſtanden die Dinge geradezu
glänzend, trotz den Umbauten und Neubauten
konnte ein reicher Überſchuß in Geſtalt glän⸗
zender Dividenden zur Verteilung kommen.
Als der Bericht zu Ende war, ſtreckten ſich
alle Hände dem Direktor entgegen. Es war
ein ſchöner, kräftiger Mann, mit energiſchen
Den Aufrichtigen läßt es Gott gelingen.
(Erzählung.)
traulich ſeinen Arm in den des jungen Mannes,
einen Freundesrat geben darf, ſo halten Sie
Zügen, fein im Umgang, human gegen jeder⸗
mann, aber ungemein ernſt und zurückhaltend.
Die Verhandlungen, die ſich an den Bericht
ſchloſſen, verliefen raſch und glatt. Die Vor⸗
ſchläge des Direktors wurden ſämtlich gut⸗
geheißen, ſein Gehalt wiederum beträchtlich
erhöht. Dann öffneten ſich die Seitentüren
zum üblichen Feſtmal, begeiſtert klangen die—
Gläſer zu Ehren des jungen Leiters, er dankte
beſcheiden und erhob ſich bald von der Tafel,
um ſich dem Vorſitzenden anzuſchließen, der
es bei ſolchen Anläſſen nicht lang aushielt.
Auf der Straße legte der alte Herr ver⸗
und drückte ihm noch einmal in ſchlichten Worten
ſeine Befriedigung aus. „Sie ſehen, wie glücklich
wir ſind, daß wir Sie haben, hoffentlich fühlen—
auch Sie ſich wohl bei uns und wird Ihnen
unſer Süden zur bleibenden Heimat, mein
lieber Herr Janſen! Und wenn ich Ihnen
jetzt die Zeit gekommen, ein eigenes Heim zu
gründen, die Mittel haben Sie, und Sie
können getroſt anklopfen wo ſie wollen, Ihnen
iſt kein Haus verſchloſſen, ſo eingenommen man
auch ſonſt bei uns gegen Auswärtige iſt, und
ich weiß, Sie haben bereits Herzen erobert!“
Sie waren an den Eingang des ſtattlichen
Hauſes gekommen. Janſen vermochte nicht
mehr zu erwidern als: „Ich danke Ihnen,
Herr Kommerzienrat, für die gute Meinung!
Ihre freundliche Geſinnung iſt mein ſchönſter
Lohn und, daß ich in Ihrem Hauſe verkehren
darf, empfinde ich, als ein nie geträumtes
Glück!“
Während ſich die Türe hinter dem verehrten
Mann ſchloß, blickte er hinauf. Seine Ahnung
täuſchte ihn nicht, am Fenſter ſtand, von der
Gardine halb verſteckt, eine hohe, ſchlanke
Mädchengeſtalt in dunklem Umriß, er fühlte,
daß die ſchönſten Augen durch die Nacht auf
ihn herabblickten, daß die Hand ihn grüßte,
er dachte an das vielſagende Schlußwort des
Kommerzienrates, und eine Woge höchſten
Glücksgefühls ſtieg in ihm empor. Das teure
Bild verſchwand, das Zimmer wurde dunkel,
noch lange ſtand er unten und blickte zu der
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