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kommen, der ſchon zwei Stunden vor dieſer
öden Fabrikmauer Parade macht, ohne Über⸗
zieher, mit durſtiger Kehle und mit brennender
Sehnſucht nach dir? Biſt übrigens ein rechter
Duckmäuſer, das will ich dir gleich ſagen,
ſchreibſt mir kein Sterbenswörtlein davon, daß
du in dieſem miſerabeln Schwabenneſt ein
großer Mann geworden biſt, Fabrikdirektor,
achttauſend Mark Gehalt, großartige Zukunft!
Kerl, was biſt du für ein Glückspilz, ſteigſt
und ſteigſt, während ich, dein Leibburſche, der
dir zur Zeit das Komment beigebracht, ſeine
letzten paar Meter zuſammengekratzt hat, um
zu dir zu kommen, und nun ſtehſt du da wie
eine Salzſäule und gibſt mir nicht einmal die
Hand!“
Jählings war Janſen aus ſeinem Himmel
gefallen. Was ſich jetzt ihm öffnete, war die
Hölle. Endlich ermannte er ſich und fragte
tonlos: „Brand! wieviel wollen Sie. . . mit
wieviel iſt Ihnen diesmal gedient?“
„Männchen, vor allen Dingen fall' mir nicht
aus dem Dutzkomment, damit beleidigſt du mich
fürchterlich! Was ſodann das Geld betrifft,
1 ſo kannſt du mir allerdings zwanzig Mark ver⸗
abreichen, damit ich mir dieſen Abend noch
etwas zuführen kann, denn ich ſehe ſchon, auf
deine Gaſtfreundſchaft iſt nicht zu zählen!“
Janſen beeilte ſich, ihm das Goldſtück hin⸗
zuhalten.
„Danke, danke, wohl einem Haus, wo das
iſſt kleine Gabe! Sonſt wollen wir aber dies⸗
mal den ſchnöden Mammon aus dem Spiel
laſſen. Ich habe mit andern Abſichten die
Reiſe unternommen. Ja, ſchau mich nur an!
ich will nun auch ſolid werden, ehrbarer
Pflhiliſter und Zeitgenoſſe, und, wer weiß, einen
Hausſtand gründen. Meine Lore, du weißt,
meine Königsberger Hauswirtin, will ſich nicht
klänger gedulden! ſie iſt zwar ſchon lang nicht
mehr mein Ideal holder Weiblichkeit, aber ich
ha-be zu viel Verpflichtungen gegen ſie. Doch
Oddnn biſt geſpannt, ich will dich nicht länger
warten laſſen! Mein Wunſch und Verlangen
iſt, alter Freund, dein Mitarbeiter zu werden.
Du biſt hier allmächtiger Gebieter und wirſt
ſchon einen Poſten für mich haben. Mach' mich
zum kaufmänniſchen Leiter, Aufſeher, Reiſenden,
es iſt mir für den Anfang alles recht, wenn's
nur einträgt!“ —
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„Brand, das nicht! Iſt dir mit 500 Mark
gedient?“ —
„Du biſt großmütig, Leibfuchs, aber du
kennſt meine Schwäche! ich kann kein Geld
ſehen, kaum hab' ich's ſo hab' ich's nicht mehr
und beſinne mich vergeblich, wo es hing⸗e⸗
kommen iſt. Ich denke an die Zukunft, es iſt
wahrlich Zeit, man wird alt. Ich will etwas
ſicheres, feſtes. . . .“ 4
„Brand, 1 000 Mark! es iſt mir zwar ein
ſchweres Opfer, ich habe bis jetzt nichts zurück.
legen können, aber du ſollſt ſie habenn
„Und warum in aller Welt nicht die Stelle?
Warum weigerſt du dich, auf meine tugen.
haften Lebensreformpläne einzugehen und
deinem alten Unglücksgenoſſen die Hand zur
Rettung zu bieten?“
„Weil ich dich leider nur zu gut kenne und
weiß, du würdeſt es hier machen, wie uu
es anderswo drei, viermal gemacht haſt;
ſpielen, verſpielen und dann das Geld nehmen
wo es liegt, und zuletzt auf und davon! es
iſt traurig, aber es iſt ſo. Und dann, hätteſt
du denn Ausdauer, Fleiß, Pflichtgefühl, um
eine ſolche Stellung auch nur einigermaßen
auszufüllen. Brand, die chemiſche Fabrik iſt
ein Stück von mir, die Beſitzer ſind meine
Freunde, ich werde die Infamie nicht begehen,
dich den Herren zu irgend einer Stellung zu
empfehlen, nicht einmal zum Nachtwächter!
Geld kannſt du haben!“
„So kommen Sie mir, Herr Doktor Janſen!
Nun, wenn das deine Geſinnung iſt, dann
werde ich ſelber zu den Herren gehen und
ihnen meine Dienſte anbieten. Selſtverſtändlich
werde ich nicht verſäumen ihnen einige Auf⸗
ſchlüſſe zu geben über die Vergangenheit
des Herrn, dem ſie ſeit zwei Jahren ihr
Vertrauen ſchenken. Ich habe mir erzählen
laſſen von einem Kommerzienrat, der es ganz
beſonders gut mit dir meint, der ſogar im
Begriff ſein ſoll dir die Hand ſeines einzigeen
Töchterleins zu ſchenken, wie wertvoll wird
ihm ſein, durch den Mund eines Jugen⸗.
freundes und Landsmanns einiges aus dem
Vorleben ſeines künftigen Herren Schwieger⸗
ſohnes zu hören!“ .
Diesmal richtete ſich Janſen hoch auf und
ſeine
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Augen warfen Blitze in das rot
aufgedunſene, höhniſch lachende Geſicht des
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