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uaundern. „Brand, jetzt habe ich die Sache ſatt!
Seit fünf Jahren bin ich infolge jenes un⸗
glücklichen Jugendſtreiches Ihr gehetztes Wild.
So wie ich es irgendwo zu einer Stellung
gebracht habe, kommen Sie mir auf den
Hals, ich hätte Sie ſchon zehn mal wegen
FErpreſſung verklagen können. Diesmal laſſe
ichh mich nicht ins Bockshorn jagen. Es ſteht
in Ihrer Macht meine Stellung und meine
Ausſichten hier zu ruinieren. Wohlan, tun
Sie's! Sie werden mich aber nicht dazu
bringen etwas zu machen, was ich vor Gott
und anſtändigen Menſchen nicht verantworten
könnte.“
MNMNMur nicht dieſen Ton anſchlagen, nur
nicht aufs hohe Roß ſteigen, Alterchen! Die
Diinge nehmen wie ſie liegen, dies iſt mein
Grundſatz! Du überſchläfſt jetzt meinen Vor⸗
ſchhlag, die Nacht bringt Rat, morgen um
12 Uhr werde ich mir geſtatten noch einmal
bei dir vorzuſprechen, ſo lange reichen dieſe
20 Mark, die ich dir ſelbſtverſtändlich zurück⸗
errſtatten werde, ſo wie ich die Ehre haben
werde... Es iſt gut, das unerwartete Wie⸗
derſehn hat dich etwas emotioniert, morgen
mittag werden wir uns ſchon beſſer verſtehen!“
W Mit einem unſäglichen Gefühl der Bitter⸗
keit betrat Dr. Janſen ſeine Wohnung. Ein
eerhbbhrloſer Menſch wäre er, das ſagte ihm ſein
Beviſſen, wenn er dem Anſuchen nachgeben
wiürde, das an ihn geſtellt war. Tut er es
nicht, dann iſt der Schuft freilich imſtande
ſeine Drohung zu erfüllen, dann iſt es viel⸗
leicht um ſeine, ihm ſo lieb gewordene Stellung
geſchehen, jedenfalls um die ſüße Hoffnung,
die eben in ſeinem Herzen aufgelodert iſt.
Vor kurzen Minuten ſtand er noch in freu⸗
digem Selbſtgefühl auf ſonniger Höhe, jetzt
,erhebt ſich eine niederträchtige Hand, um ihn
in den Abgrund zu ſtoßen. Unter ſchweren
Gebdanken verging die Nacht. Einmal ſuchte
err nach dem Revolver, der irgendwo in einem
Schubfach des Schreibtiſches ſtecken mußte.
Abbbbber er ſtand gleich wieder davon ab. Dieſe
Schande will er dem Andenken ſeines Vaters
nicht machen, ſo ſehr will er ſeinen Chriſten⸗
lauben nicht verleugnen. Gott iſt ſtreng, er
fegt ihm eine harte Buße auf. Aber er iſt
auch gnädig, er läßt es den Aufrichtigen ge⸗
lingen. Damit wurde es Morgen.
Um elf Uhr ließ er ſich beim Kommerzienrat
melden. Beide Hände ihm zuſtreckend erhob
ſich dieſer von ſeinem Schreibtiſch. „Sie ſind's, T
Herr Doktor! Sie ſind's! und ſo feierlich! h
ahne ich recht, was Sie in ſo ungewohnter de
Stunde zu mir führt?“
„Verehrter Herr Kommerzienrat, ich komme
allerdings in einer Privatangelegenheit zu
Ihnen, aber es iſt keine erfreuliche. Ich V
fürchte vielmehr, daß, was ich Ihnen jetzt ſaggen †—
werde das Ende unſerer Freundſchaft ſein wird, 4
daß ich vielleicht ſogar daraufhin einer lieb⸗:
gewonnenen Stellung entſagen muß. Es koſte fo
mir Überwindung Sie ſo zu betrüben, aber af
wenn ich ſchweige, ſo redet in einer Stunde ein no
anderer, und dem wollte ich zuvorkommen!“ ſe
„Sie erſchrecken mich, Herr Doktor! Hoffent⸗ de
lich iſt es nicht ſo ſchlimm! Bitte, nehmen Sie m
Platz!“ fo
„Es iſt in wenigen Worten geſagt. Als ſr
junger Student in Königsberg habe ich mich
verleiten laſſen einer Verbindung beizutreten,
in der damals ein leichtfertiger Ton herrſchte
und der frivolſte von allen Mitgliedern wurde
mein Leibburſche. Ich machte vieles mit, ich
kam in Schulden. Nach wohlbeſtandenem
Examen wollte ich meinem Vater alles offen⸗
baren. Aber gerade damals erkrankte er und —
ſtarb. Mein Leibburſch führte mich zu einem —
Geſchäftsmann, der bereit war mir die nötige—
Summe vorzuſtrecken, nur wünſche er eine
Bürgſchaft. Ich hatte einen Vetter, der ſich
in guter Stellung befand und mir gewiß zu
Hilfe gekommen wäre, er war aber auf Reiſen
und die Schuldner drängten und drohten.
Da verließ mich die Beſonnenheit und das
ſittliche Urteil. Ich ſetzte den Namen meines
Vetters auf den Wechſel. Sie können ſich
denken, daß der Betrug nicht lange unentdeckt †
blieb. Herr Kommerzienrat, ich habe wegen
Wechſelfälſchung vier Monate Gefängnisſtrafe
verbüßt!“
Es war heraus!
Der alte Herr ſank entſetzt in ſeinen Stuhl
zurück und rang mit dem Atem. Endlich fand
er Worte.
„Das iſt allerdings eine unerwartete, eine
ſchmerzliche Enthüllung!“
„Herr Kommerzienrat, ſie brannte mir ſchon
lange auf dem Herzen!“
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