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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/gute_bote_1908/0055
"Erzählen Sie! wie ging's weiter?"
"Nun, man hatte tiefes Bedauern mit mir.
Die Zeitungen verschwiegen die Gerichtsver-
handlungen, meine Angehörigen kamen für
das Geld auf und verziehen mir; ich kann
wohl sagen, daß in meiner Heimat niemand
mehr an jenen traurigen Vorgang denkt. Nur
einer macht sich ihn zunutze, das ist jener
Verbindungsbruder, der mich damals in sein
leichtfertiges Leben hineinzog. Er benützt seine
Kenntnis von jenem beklagenswerten Jugend-
streich, um mich mit Forderungen zu ver-
folgen. Diese Nacht ist er wieder erschienen,
aber diesmal konnte und durfte ich ihm nicht
nachgeben. Lieber als ferner sein Sklave zu
sein, habe ich Ihnen alles mitgeteilt und
damit alles aufs Spiel gesetzt. Sprechen Sie
mein Urteil, es kann nicht schärfer aus-
fallen als das, das ich selber über mich
spreche!"

51

Es folgte ein langes Schweigen. Endlich
kam der alte Herr wieder in die Fassung.
"Herr Doktor! Sie haben schwer gefehlt,
aber Sie haben auch schwer gebüßt, ich be-
dauere Sie, sonst weiß ich nicht was tun. Ich
will den Urteilsspruch in andere Hände legen.
Gehen Sie hinauf zu meiner Tochter, sagen
Sie ihr alles, was Sie soeben mir gesagt
haben, wenn sie Ihnen Absolution erteilt,
dann soll's dabei sein Bewenden haben!"

Als es auf dem nahen Münsterturm mittag

läutete, zog ein Herr, den schäbigen Rock
sauber gebürstet, das dünne Haar sorgsam
geölt, beim Kommerzienrat die Klingel. Der
Diener öffnete: "Sie sind wohl Herr Brand!
Herr Kommerzienrat verzichtet auf die Ehre
und sendet Ihnen hier eine kleine Reisever-

gütung im Namen seines Schwiegersohnes,

des Herrn Doktor Jansen!"

nter den Kalenderfreunden sind gewiß

H" AN manche, die einen schönen Garten

mhinter dem Hause haben, und den
aganzen Winter darüber nachdenken,
was sie alles, wenn das Frühjahr
kommt, noch besser machen könnten. Verfasser
ist zwar nun augenblicklich kein Gärtner; auch
das kleine künstliche Rasenstück, das unten im
Hofe seines Großstadthauses ein kümmerliches
Daoaasein fristet, gehört nicht ihm. Aber aus
frrüheren Erfahrungen möchte er dem geneigten
Leser ein weniges mitteilen zu Nutz und
Frommen seines Gartens. Auf meiner Land-
pfarre hatte ich viele Zwetschenbäume. War
das eine Lust, wenn sie alle miteinander so
schön weiß blühten, und das blaue Himmels-
zelt sich segnend und wärmend über die
Blütenpracht ausspannte.
Blüten ab, und kleine Früchte begannen ver-
stohlen aus den Zweigen hervorzuschauen.
Aber wie traurig war oft der Anblick nach
wenigen Wochen! Netzartiges Geflecht war
um die Zweige gesponnen, böses Gewürm
saß drin, hielt nimmersatten Fraß, und es
auerte nicht lange, da streckte mancher Ast

Dann fielen die

Für Gärtner.

sein Zweiglein in die Luft so dürr wie Besen-
reiser, so abgemagert wie die Hände eines
Greises. Nun wohnte in unserer Nachbar-
schaft ein älterer Amtsbruder, ein rechtes
Original, so stark und lang und knorrig wie
eine Eiche, das Herz wie Gold. Den be-
suchten wir wieder einmal an einem schönen
Nachmittag, als die Bäume verblüht waren,
und die Grillen im Korn zirpten. Aber in
solchem Aufzug wie heut trafen wir ihn noch
nie. Stand er da mit dem schwarzen Käpp-
chen auf dem Kopf auf der Leiter und langte
immer wieder mit einem Stock nach den
Zweigen seiner Zwetschenbäume und, wo er
hinkam mit seinem Haselnußrohr, begann es
ein wenig zu prasseln, und ein Räuchlein stieg
zum Himmel empor. Ich blieb von ferne stehen,
mußte lachen und bat meinen Freund, mir
einmal seinen Zauberstab zu zeigen. Der
stieg von der Leiter herunter, schaute lustig
unter seinen Brillengläsern hervor und wies
sein selbstverfertigtes Instrument. An einem
Paselnußrohr war oben eine Meetallkapsel
efestigt, welche mit Watte, von Spiritus
getränkt, gefüllt war. Die wurde angezündet
und nun in die Raupennester hineingeleuchtet,


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