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Zelle, oder, wie man heute ſagt, in Iſolier⸗
haft kommen. Der Gefängnisaufſeher verſtand
das aber anders, und ſo wurde der unglück⸗
liche Abbé in das Gemach geſperrt, das man
ſonſt im Lauf des Tages nur ab und zu und
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für wenige Minuten zu betreten pflegt, und
mußte daſelbſt 6 Wochen lang wohnen,
ſchlafen und eſſen. Dem armen Mann mag
das weniger heiter vorgekommen ſein als es
jetzt uns erſcheint.
Aus Welt und Zeit. (Juli 1906 bis Juni 1907.)
rüß Gott, Vetter Hans, na, wie
geht's alleweil? — So, ſo, Michel,
wie's halt gehen kann bei den teuern
*ν Zeiten. — Was ich ſagen wollte, lieſt
☛ Du vielleicht die „Straßburger
Poſt“? — Ich? Nein, das iſt mir zu
hoch, ich leſe die „Straßburger Zeitung“,
oder auch einmal die „Neueſten Nachrichten“.
— Schade, da hätteſt Du letzthin leſen ſollen,
was einer aus Colmar über's Elſaß geſchrieben
hat. — Ja, was wird er wohl geſchrieben
=£
Prinz Auguſt Wilhelm von L'reußen.
haben? Wie ſie's alle machen, wird er uns
„geutzt“ haben. — Bewahre, da irrſt Du dich,
er hat viel Gutes von uns geſagt, und daß es
kein Wunder iſt, daß wir noch ſo an Frank⸗
veich halten; und weißt Du, wer Schuld
paran iſt, daß noch ſo viele Elſäſſer für Frank⸗
eich ſind? Das rätſt Du nicht! Die katho⸗
iſchen Pfarrer und die Frauen. Hein? Der
iſt nicht auf den Kopf gefallen! Und dann hat
er den Deutſchen ein paar gute Wahrheiten
geſagt, und uns Elſäſſer hat er gelobt und ge⸗
ſagt, wir hätten Charakter, Charakter und
Treue. Nicht wahr, das gefällt dir ſchon.
Dann hat er aber geſagt: Elſäſſer Patriotis⸗
mus und Elſäſſer Sprache uſw., das iſt nichts,
das iſt ſo Kleinſtaaterei, das gibt was ſie
eine Krähwinkelpolitik heißen, die Schweizer
nennen das „Kantönligeiſt“; das iſt nichts,
mit dem kommen wir nicht weiter. Früher
haben wir einem großen Lande zugehört und
haben es lieb gehabt; jetzt ſind wir ein Glied
eines anderen großen Reichs geworden, und
Prinzeſſin Alexandra Biktoria
v. Schleswig⸗Holſtein.
wir müſſen uns da unſern Platz an der Sonne
erobern; wart, wie hat er geſagt? Ja, wir
müſſen jetzt die deutſche Kultur auf uns ein⸗
wirken laſſen, und dann habe unſer elſäſſiſches
Volk eine ſchöne Zukunft vor ſich. Was ſagſt
jetzt zu dem? — Hm, es iſt mir ein bischen
hoch; aber ich mein' auch, wir können nicht ſo
ewig auf einem Fleck ſitzen, ſonſt bleiben
wir zurück, und die andern gehen über uns
weg und wir haben das Nachſehen. — Ganz
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