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langjähriger Präſident der deutſchen Kolonial⸗
geſellſchaft.
Jetzt müſſen wir eines berühmt gewordenen
Mannes gedenken, der in einer Chronik des
Jahres nicht fehlen darf, ich meine den
Hauptmann von Köpenick; denn
das iſt doch ein ſtarkes Stück, daß es einem
Gauner gelingt, in falſcher Uniform eine
Truppe Gardeſoldaten anzuhalten, mit ihnen
einen Bürgermeiſter zu verhaften, ihn ſamt
dem Kaſſenrendanten nach Berlin zu ſchicken,
und ſelber mit dem Barbetrag der Kaſſe,
d. h. mit 4000 ℳ zu verſchwinden. Und das
hat ein Schuſtergeſelle, Wilhelm Voigt,
Ernſt Auguſt, Herzog v. Cumberland.
getan, der niemals gedient hat, aber ſchon
mehrere mal beſtraft worden war. Und nun
höre man: der Mann war wegen Fälſchung
einiger Quittungen zu 15 Jahren Zuchthaus
verurteilt worden; wegen ſeiner guten Auf⸗
führung waren ihm einige Jahre davon ge⸗
ſchenkt worden; nach ſeiner Entlaſſung wollte
er ſich ehrlich durchſchlagen, wurde aber wegen
ſeines Vorlebens aus 30 Ortſchaften polizeilich
ausgewieſen, zum letzten aus Wismar, wo er
bei einem Meiſter arbeitete, der ihm das beſte
Zeugnis gab. Ins Ausland konnte er auch
nicht, denn er erhielt keinen Paß. Niemand
hat dem Unglücklichen eine helfende Hand ge⸗
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reicht, und ſo mußte er zu neuen Streichen
ſeine Zuflucht nehmen. Selbſt die Richter,
welche ihn jetzt zu 4 Jahren Gefängnis ver⸗
urteilen mußten, haben ihm ihre Teilnahme—
bezeugt, und der ganze Vorgang iſt eine laute—
Anklage gegen veraltete und menſchen⸗—
unwürdige polizeiliche Einrichtungen.
Nun machen wir dem Reichstage
einen Beſuch. Ausnahmsweiſe waren im
vorigen Herbſte die Debatten im hohen Hauſe
äußerſt ſpannend und folgenſchwer. An Stelle
des Erbprinzen von Hohenlohe war der Ban⸗
quier Dernburg zum Direktor des Ko⸗
lonialamts ernannt worden, und man konnte
ſich auf ſehr wichtige Kolonialdebatten gefaßt
machen. In der Tat wurden ſehr bald die
Kolonialſkandale aufgerollt, vor allem der
v. Vodbielski,
preuß. Landwirtſchaftsminiſter.
Fall der Firma Tippelskirch, welche bei Liefer⸗
ungen an die Kolonialtruppen ungeheure
Summen verdient haben ſollte; der Miniſter
von Pod bielski, der verſteckter Teil⸗
nehmer dieſes Geſchäfts war, mußte, trotz
der Gunſt des Kaiſers, ſeine Entlaſſung
nehmen. Am 25. November fing die 5tägige
Schlacht an, in welcher Dernburg erklärte,
der Vertrag mit der Firma Tippelskirch ſei
gelöſt worden, für die Transporte nach Süd⸗
weſtafrika beabſichtige er, andere Linien als
nur die Woermannlinie, die bisher das Mo⸗
nopol gehabt, zu gebrauchen; alle anderen
Anklagen aber über Unſittlichkeiten und Grau⸗
ſamkeiten, welche die Beamten ſich hätten
zu Schulden kommen laſſen, ſeien maßlos
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