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in großen Eifer geraten. Er hatte einen Be⸗
ſchluß gefaßt, nach welchem die Reichseiſen⸗
bahnen zur Gewerbeſteuer herangezogen
woerden ſollten, was allerdings nicht unbillig
ſcheint und für unſere Finanzen ſehr vorteil⸗
haft wäre. Der Kaiſer hat dieſen Beſchluß
einfach auf die Seite gelegt und denſelben
dem Bundesrat nicht unterbreitet. Darüber
große Entrüſtung und Proteſt im Landes⸗
ausſchuſſe. Die Sache iſt aber nicht ſo einfach:
der Kaiſer übt in Elſaß⸗Lothringen die landes⸗
herrliche Gewalt im Namen des Bundesrates,
d. h. aller deutſchen Fürſten; als Landesherr
aber hat er das Recht wie jeder andere Fürſt,
gegen jeden Beſchluß der Landesvertretung
ein Veto einzulegen. In Baden oder Württem⸗
General Bicquard,
franzöſiſcher Kriegsminiſter.
berg kann der Monarch einem Beſchluſſe der
Kammer die Zuſtimmung verſagen, und dann
föällt derſelbe unter den Tiſch. Dasſelbe Recht
hat wohl der Kaiſer bei uns, da wir keine Re⸗
publik ſind, ſondern ein Reichsland, und da⸗
gegen hilft kein Proteſtieren: „es iſcht halt
ſo“, ſagte der Großvater.
n Augenblick in die
Gehen wir nun auf eine
e Fragen bewegen
Schweiz. Zwei wichtig
augenblicklich das Land: zuerſt die für das
Volkswohl ſo wichtige Abſinthfrage.
Diieſes von vielen ſo beliebte Getränk hat die
nachteiligſten Wirkungen auf das Nerven⸗
ſyyſtem der Abſinthtrinker und ihrer Nach⸗
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Von wohlmeinender Seite iſt deshalb dieſem
übel der Krieg erklärt worden, und die
nächſte Folge war nun, daß im Kanton
Waadt bei der Volksabſtimmung 22 000
für und nur 15 000 gegen das Verbot
der Fabrikation und des Ausſchanks von
Abſinth ſich ausgeſprochen haben. Der
Kanton Genf iſt dem Beiſpiel gefolgt, und
es iſt zu hoffen, daß die ganze Eidgenoſſen⸗
ſchaft ſich dem Vorgange der beiden Kan⸗
tone anſchließen wird.
Die andere Frage, welche die Gemüter be⸗
wegt, iſt die der LCrennungvon Kirche
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†
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und Staat. Im Kanton Neuenburg iſ
dieſelbe bei der Volksabſtimmung verworfen
dafür
worden; waren die Freikirchlichen
Georges CElémenceau,
franzöſiſcher Miniſter des Innern.
einerſeits und die Freidenker und Religions⸗
loſen anderſeits, natürlich aus ganz entgegen⸗
geſetzten Gründen. Der größte Teil der Be⸗
völkerung hat ſich aber in ſeinem geſunden
Sinne gegen dieſe unnatürliche Verbrüde⸗
rung empört und deshalb gegen die Tren⸗.
nung geſtimmt. Im Kanton Genf dagegen
iſt ſie zuerſt vom Rate vorgeſchlagen und—
dann durch Volksabſtimmung beſchloſſen
worden. Damit wird die Bewegung wohl«
kommenſchaft und lähmt die Gehirnfunktionen.
noch nicht zu Ende ſein. El
Unſere Leſer müſſen nicht erſchrecken, wenn P
wir ſie auf einige Minuten nach China Pr
führen; aber wie in Europa der Abſinth, ſo wo
iſt es dort das Opium, welches große Ve
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