http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/gute_bote_1908/0073
e
ge
t,
dt
ge
ie
ei
en
n
S
.
ei
ie
trieben, wie es im Süden ja immer geht.
Nun meinen die guten Leute, die Regierung
ſolle und müſſe helfen, und weil ſie nichts
tut, ſo wollen ſie nichts mehr von ihr wiſſen;
große Verſammlungen ſind abgehalten
worden, wo hunderttauſende zuſammenge⸗
kommen ſind; die Bürgermeiſter haben ihre
Demiſſion gegeben, die Zivilſtandsämter ſind
geſchloſſen, man kann nicht mehr
auf die Welt kommen, nicht heira⸗
69
den, weil ſie nicht einmal erlauben wollen,
daß der Eigentümer zum eigenen Gebrauch
ſeinen Wein mit Waſſer und Zucker verlängert.
Nicht wahr, wenn man uns das verbieten
wollte!
Der Leſer wird vielleicht fragen, wie denn
dieſe Notlage entſtanden iſt. Auf ſehr ein
fache Weiſe: durch Überproduktion, indem zu
ten und nicht ſterben; die Steuern
werden nicht bezahlt, es iſt der
reine Aufruhr. Die Südländer
ſind ja ſehr hitzig, und ſo iſt es
zu argen Unordnungen gekom⸗
men: in Perpignan haben
ſie die Präfektur angezündet und
verbrannt; in Nar bonn e iſt
der Maire Ferroull verhaftet
worden, nachdem er ſeine Schärpe
theatraliſch weggeworfen und
zertreten und er ausgerufen:
„Man hat müſſen 10 000 Mann
kommen laſſen, um einen Mann
zu verhaften!“ Aber wie die
Menge die Mairie ſtürmen
wollte, haben die Soldaten ohne
Befehl auf ſie geſchoſſen, und
natürlich einige Leute erſchoſſen,
die gar nichts mit der ganzen
Geſchichte zu tun hatten. Andere
Truppenteile haben gemeinſame
Sache mit der Bevölkerung ge⸗
macht, weil ſie ſelber aus jener
Gegend ſtammten und nicht gegen
ihre eigenen Verwandten mar⸗
ſchieren wollten. Ein Regiment,
das 17., iſt zweimal von Agde
nach Béziers ausgerückt, einmal
mit und das andere Mal ohne
Waffen; das zweite Mal ſind ſie
von anderen Truppen umzingelt
und zurückgeführt worden; das
Regiment iſt nach Briangon ver⸗
legt und 600 Meuterer nach
Sfax, hinter Tunis, verbracht
wörden: dort können ſie ihren
Arger verſchwitzen! Der Haupt⸗
rädelsführer, Marcellin Albert aus
Argeliers, ging ſelbſt nach Paris zum Miniſter⸗
präſidenten und hat ſich nach ſeiner Rückkehr
den Behörden geſtellt. Die Kammern haben
ſeitdem in großer Eile ein Geſetz beraten,
welches die Weinverfälſchung verhindern ſoll;
aber die Südländer ſind damit nicht zufrie⸗
Brand der Michaeliskirche in Hamburg.
viel Reben gepflanzt wurden, und zwar
infolge der Phylloxera. Als vor mehr als
20 Jahren durch die Phylloxera der größte
Teil der Reben im Süden vernichtet wurde,
ſo haben andere Gegenden im Weſten und
im Zentrum Frankreichs den Beſtand ihrer
Reben verdoppelt und Algerien hat ſeine
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/gute_bote_1908/0073