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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/gute_bote_1908/0076
wir noch von einigen Bubenſtücken gleicher

Art berichten. In Interlaken, in der Schweiz,
hat eine Ruſſin einen Herrn Müller aus Mül⸗
haauſen im Speiſeſaal des größten Hotels
oyhne weiteres erſchoſſen, weil ſie ihn für den
Miniſter Durknowo hielt. Sie hieß Tatiana
Leontieff und wurde von dem Schweizer
Gerichte nur zu 4 Jahren Zuchthaus ver⸗
urteilt; es ſcheint, daß ſie ſich noch dazu in
ihrem Gefängnis recht ungebärdig aufführt
und nichts arbeiten will. Der gehört auch
eine Tracht Prügel! — Im Januar wurden
ebenfalls einige bekannte Perſönlichkeiten
ermordet: der Führer der Hofpartei Graf
Ignatiew, der Militäroberprokurator General
Pawlow, der Polizeipräfekt v. Leunitz; und
was noch merkwürdiger iſt, die Arbeiterwelt
hat angefangen, ſich an ihren Vorgeſetzten zu
vergreifen, und im Weſten ſind einige Fabrik⸗
direktoren erſchoſſen, worunter ein Mülhauſer
Herr Reiß; die Mülhauſer haben dies Jahr
mit den Ruſſen kein Glück! — Eines natür⸗
lichen Todes iſt einer der berühmteſten Ruſſen
geſtorben, der frühere Oberprokurator des
Synods, Pobje do novzew, der
Feind aller Duldung und alles Parlamen⸗

tarismus, deſſen Ideal die Alleinherrſchaft

der ruſſiſchen Kirche im engen Bunde mit dem

Staate geweſen, und der deshalb alle anderen
Kirchen unterdrückte wo er nur konnte, und
jede Konſtitution als einen Abfall vom
orthodoxen Glauben betrachtete.
Im März wurde die neugewählte Duma
eröffnet. Stolypin verſprach eine Reform
der bäuerlichen Geſetzgebung, um der Landnot
ein Ende zu machen, ferner die Ausführung
der Gewiſſensfreiheit, den Wegfall der Ver⸗
bannung ohne gerichtliches Urteil uſw. Es
wurden der Regierung ſchwere Vorwürfe
gemacht über die Behandlung der Gefangenen
ſowohl in Sibirien, wo es unmenſchlich her⸗
gehen ſoll, wie auch in Europa, wo z. B. in
Riga noch in letzter Zeit Gefangene grauſam
geſfoltert und nachher ohne Urteil einfach er⸗
ſcchhoſſen worden ſind.
Auus dem Schoße der Duma ſelbſt ſind Vor⸗
ſchläge gemacht worden über die Ver⸗
teilung des Bodens an die Bauern:
ein Bauer ſchlug vor, den Geſamtbeſitz der
kaiſerlichen Domänen, der Kirchen und der
Klöſter an die Bauern zu verteilen. Ein
Sozialdemokrat ging noch weiter: er bean⸗
tragte, daß die 130 000 Gutsbeſitzer des Reichs
ezwungen ſein ſollten, ihren Beſitz ohne jeg⸗
liche Entſchädigung an die 12 Millionen
Bauern auzuliefern. Das iſt ja ungemein ein⸗

fach! In der Tat iſt aber die Frage ſehr
ſchwierig. Die Bauern behaupten, nicht genug
Land zu haben, um davon leben zu können.
Sie ſollten eben eine intenſive Kultur be⸗
treiben können, und neben dem Getreide
Handelspflanzen bauen können, deren Ver⸗
kauf ihnen Geld eintragen würde. Zu einer
intenſiven Kultur brauchen ſie aber Geld,
und das haben ſie nicht; und um ihre Pro⸗
dukte zu verkaufen, ſollten ſie gute Ver⸗
bindungen mit den Marktplätzen haben, und
die ſind auch nicht da. Da iſt guter Rat teuer
und mit mehr Land iſt den Leuten noch gar
nicht geholfen. — Nun hat noch die Regierung
unter den ſozialdemokratiſchen Abgeordneten
eine revolutionäre Verſchwörung ent⸗
deckt, und da die Duma nicht gleich willig
war, zur Verhaftung der Verdächtigen ihre
Einwilligung zu geben, iſt ſie am 16. Juni
ein zweitesmal aufgelöſt worden. Die Re⸗
gierung will auch das Wahlrecht und den
Wahlmodus ändern: ſie hatte geglaubt, wenn
ſie möglichſt vielen Bauern den Eintritt in die
Duma ermögliche, würde ſie an ihnen eine
Stütze haben gegen die revolutionären Ele⸗
mente; und gerade das Gegenteil iſt ge⸗
ſchehen. Die Bauern, die zum großen Teil
nicht leſen und ſchreiben können, haben ſich
von den ſozialdemokratiſchen Schreiern am
Narrenſeil herumführen laſſen und ſind die
allerärgſten Anarchiſten geworden. Nun ſucht
die Regierung durch einen neuen Wahlmodus
die von ihr zuerſt gefürchteten gebildeteren
Elemente heranzuziehen, aber auch die frem⸗
den Völkerſchaften, Polen und andere, fern
zu halten, und gewiſſen halbwilden Gegenden,
Turkeſtan uſw. überhaupt gar kein Wahlrecht
zu verleihen. Was wird daraus werden?
Wahrſcheinlich nicht viel Gutes; denn ſelbſt
in Finnland, dieſem früher ſo ruhigen,
ganz evangeliſchen Lande, ſieht es bedenklich
aus: das hat ſein beſonderes Parlament, zu
welchem jetzt auch Frauen gewählt werden
können (das ſollten wir doch bei uns auch ein⸗
führen, nicht wahr? dann müßten unſere
Damen deutſch lernen, und das gäbe inter⸗
eſſante Sitzungen im Landesausſchuß!);
20 Frauen ſind in das finnländiſche Parlament
gewählt worden und die Hälfte davon ſind
Sozialdemokraten! Wenn die anfangen los⸗
zulegen, wird das was abſetzen! Guten
Appetit, ihr Herren in Finnland!

Von einigen Unfällen müſſen wir noch
berichten, ehe wir ſchließen, denn ein Kalender


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