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willkommene Erheiterung.
“W gemeinſamen Haushalt zuführte.
aber der verſtorbene Mann ein Witwer ge⸗
eeine Stelle, die einen Ausblick gewährte auf
die ſchönen Pfälzer Berge und blies auf
ſeiner Trompete melancholiſche Lieder in die
Heimat, dann tröſtete er ſich unten in
Steinbach mit ein paar Schoppen Pfälzer
Wein, bis am Abend ſeine Frau, ungerührt
über dieſes überſchwengliche Vaterlands⸗
gefühl, ihn kräftig unter den Arm faßte und
auf den Heimweg ſtellte. Einmal aber —
als er bereits ein alter Mann geworden
war — erlebte er noch einen furchtbaren
Schreck. Das war am 5. Auguſt 1870, als
eer vor der Mühle ſtand und nach dem
Wieetter ſchaute — es hatte tags vorher in
deer Gegend von Weißenburg ſo furchtbar ge⸗
donnert — und ſah, wie plötzlich bayeriſche
Soldaten in hellen Haufen den Berg herunter⸗
kamen. Da iſt er ſo ſchnell ihn ſeine
zitternden Beine trugen in ſein Haus ge⸗
gangen, verſteckte ſeine Trompete, die ſein
Stolz und ſeine Wonne war, im tiefſten
Dung und dann flüchtete er ſich, ohne der
Frau etwas zu ſagen, unter die Trümmer⸗
haufen des Wittſchlöſſels, wo man ihn nach
fünf Tagen beinahe verhungert aus dem
vermooſten Geröll hervorzog. In den ernſten
Tagen, die wir damals durchmachten, war
dieſe Heldentat des alten Deſerteurs eine
Lang allerdings
hat er die Geſchichte nicht überlebt, dann
kam das Haus in andere Hände und wieder
in andere, die jeweiligen Inhaber hießen
aber, ob ſie wollten oder nicht, weit und
breit die Trompeter⸗Toni's und werden wohl
D ſo heißen, bis das Haus zuſammenfällt.
Übrigens trug das Eingangs dieſer Er⸗
S zählung genannte Ehepaar noch einen an⸗
dern UÜbernamen, der freilich nur in einem
kleinen Kreiſe bekannt war und am meiſten
verwendet wurde wenn an Winterabenden
Burſchen und Mädchen gemütlich beiſammen
ſaßen und ſich gegenſeitig durch Rippenſtöße
zum Lachen ermunterten. Man nannte ſie:
oMMMini King, dini King, ſini King, uenſeri
„Kuing!“ „Mini King“ das waren die Kinder,
die der Mann aus ſeiner erſten Ehe ins
Ha aus brachte. „Dini Kiug“ das waren die
Kinder, die die Frau aus ihrer erſten Ehe dem
Nun war
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weſen und hatte von ſeiner erſten Frau zwei
Kinder, denen er das Wohnrecht im Hauſe
verſchrieben hatte, — die hießen „ſini King“.
Endlich wurden ihnen in ihrer eigenen Ehe
Kinder geboren, deren Zahl damals eben⸗
falls zwei betrug, aber ſich ſpäter noch be⸗
deutend vermehrte, und von denen die zärt⸗
lichen Eltern liebevoll als von „uenſere
King“ ſprachen. So waren tatſächlich viererlei
Kinder im Haus und wenn der Leſer das
nicht faßt, ſo liegt die Schuld an ihm ganz
allein und wenn er die vier Kategorien
Kinder nicht zu unterſcheiden vermag, ſo iſt
ihm zu raten, daß er ſich nicht an die Ka⸗
tegorien des Philoſophen Immanuel Kant
mache, die noch viel ſchwieriger ſind. Und
die auf ſo verſchiedene Weiſe zuſammen⸗
geſtoppelten Kinder lebten ganz harmoniſch
zuſammen und davon kommt das Verdienſt
vornehmlich dem Alteſten zu, dem älteſten
unter „ſine Kinder“, das war der Hennerle,
von dem ich erzählen will.
Der hatte zwar verbrieft und verſiegelt
das Wohnrecht im Hauſe (die Leute im Ort
verſäumten nicht, ihn, ſeine Stiefmutter
ſich wieder verheiratete, darauf aufmerkſam
zu machen), aber das Männlein muß in
ſeinem Herzen etwas geſpürt haben von
dem Grundſatz:
Was Du ererbt von Deinen Vätern,
Erwirb es, um es zu beſitzen!
denn er hatte offenbar den Drang in ſich,
ſeine Stellung in der Familie durch beſon⸗
dere Verdienſte zu konſolidieren, und zwar
zeigte ſich das ſchon beim Hochzeitsſchmaus.
In der Wohnſtube aßen die Erwachſenen,
für die Kinder des Hauſes und der Familie
war in der Geſchirrkammer gedeckt worden,
aber für die kleinen Gäſte war die Be⸗
dienung etwas mangelhaft. Zwar die fette
Suppe wurde ihnen gleichzeitig mit den
Andern aufgetragen, das Rindfleiſch jedoch
wollte nicht kommen. Als Senf und Meer⸗
rettig, ſaure Gurken und Roterahnen bereits
aufgezehrt waren und die Märſche, die die
Hungrigen auf ihren Zinntellern trommelten,
keinen Erfolg hatten, zeigte ſich Hennerle in
ſeiner ganzen Größe. Er erhob ſich, ſchritt,
ein zweiter „kleiner Roland“, reſolut in die
Stube, packte die Fleiſchplatte und trug ſie
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