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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/gute_bote_1921/0056
von allen Laſtern rein ſind, und von

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ſollten, ſo ruft er aus, dem Volke nicht
anſtößig ſein dieſe Schauſpiele, dieſer
Leichtſinn, dieſes kindiſche Treiben, dieſes
Lachen und dieſe Poſſen; die freche,
übermütige Kleidung, die Eitelkeit den
Mädchen oder vielmehr frechen Dirnen
zu gefallen? Urteilt ſelbſt, ob ihr nicht
verblendet und verſtockt ſeid, wenn ihr
ſo das leuchtende Beiſpiel des Ernſtes
und der Würde in den Prälaten vor dem
Volke erlöſchen läßt, daß es von Zorn
gegen euch erfüllt wird. Es war ja ein
Beweis, wie ſehr es geärgert worden, als
vor wenigen Jahren einige Bürger aus
Spott einen Biſchof erwählten, ihn ſeiner
Würde gemäß ankleideten und mit hohen
Papierhüten und Spottlieder ſingend durch
die Straßen zogen; dieſes und ſechshundert
ähnliche Züge haben ſie zum Hohn des
geiſtlichen Standes angeordnet. Ehemals
hatte man erbauliche theatraliſche Vor⸗
ſtellungen; jetzt ſind es Spiele der Üppig⸗
keit, mit unſinnig verlarvten Perſonen,
die den Gottesdienſt ſtören und ſchänden,
und den Zorn Gottes herabziehen. Aber
wo iſt die Würde des Biſchofs, des De⸗
chanten, wo der Eifer für das Haus des
Herrn?“ Noch 1521 iſt Wickram der
Reformation zugetan, nennt er doch in
einem Briefe an Zwingli dieſen einen
wahren Iſraeliten, das echte Vorbild
eines chriſtlichen Lehrers, die Poſaune
des göttlichen Wortes; längſt ſchon hätte
er gewünſcht, ſolche Hirten und Ver⸗
kündiger des Evangeliums zu hören, die

welchen die Schafe Chriſti das wahre
Brot des göttlichen Wortes, nicht die
Kleien der Weibermärchen erwarten.“
Leider war Wickram ſelbſt nicht der
Mann im Geiſte eines Zwingli weiter
zu wirken. Er hatte viel unter Krankheit
und körperlicher Schwäche zu leiden. Das
Domkapitel war ihm aufſäſſig und ging
Anfang 1521 gegen ihn vor. Der Biſchof
auch ſchrieb vom Reichstag Worms,
es ſei ihm angezeigt, worden, in dem

Bistum viele wären, die ſich unterſtänden,
Luthers Sache zu verteidigen, und öffentlich

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dieſen ſei ihm beſonders Doktor Peter
(Wickram) genannt worden, „der die Recht⸗
mäßigteit des kaiſerlichen Verfahrens
öffentlich auf der Kanzel anzugreifen
wage.“ Wickram konnte ſich, vielfach be⸗
drückt, zu keinem energiſchen Widerſtand
aufraffen; er wurde ſpäter ſogar ein
Gegner Zell's.
Von kurzer Dauer war auch die refor⸗
matoriſche Wirkſamkeit des Peter Phi⸗
lippi von Rumſcherg (Remiremont),
Leutprieſter an der Stiftskirche zum Alten
St. Peter. Er predigte das reine Evange⸗
lium; das Volk ſammelte ſich in Scharen
unter ſeiner Kanzel; da entließen ihn die
Stiftsherren auch ſchon.
Ebenſo kurzen Prozeß machte man mit
dem Bruder Tilman von Lyn, der
wohlvertraut mit Luthers Schriften 1521.
im Karmeliterkloſter, das bei der heutigen
Ludwigskirche lag, die evangeliſche Wahr⸗
heit verkündete. Mutig eifernd gegen
Prälaten, Biſchöfe und Papſt und von
der Bürgerſchaft gern gehört, wurde ihm
noch in demſelben Jahr im Namen des
Biſchofs das Predigen verboten.
Noch im Mai 1521 ſehen wir einen der
ſpäteren Gegner der Reformation Konrad
Träger ſich zu den Hauptlehren Auguſtins
bekennen, wie ſie auch Luther teilte.
Als Provinzial des Auguſtinerordens war
er gegen die Mönche vorgegangen, welche
die Kloſterdisziplin gebrochen hatten; es
entſtand ein lang ſich hinziehender böſer
Streit, in dem Träger immer entſchiedener
die Rechte der alten Kirche vertrat.
Endlich aber ſollten alle Straßburger, die
evangeliſch geſinnt waren, ihren Prediger
finden, der jeder Maßregelung, jedem
heimtückiſchen Angriff ſtandhielt — es
war Mathis Zell, Pfarrer zu St. Lorenz
im Münſter. Von ſeinem Auftreten be⸗
richtet er: „Im 1521ſten Jahr habe ich,
Mathis Zell, im Münſter angefangen das
Evangelium zu verkündigen, denn zuvor
war ſolches allein zu Carmelitern, danach
etwas tapferer zu den Auguſtinern für⸗
genommen, welches auch die genannten
Geiſtlichen alſobald wieder abgeſtellt haben.“

predigten, daß ſie gerecht ſei. Unter

Zell fand den Weg zum Herzen des


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