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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/gute_bote_1921/0058
C,.



Weltchronik . . . . . . .

a ſitzt er, der
Chronikſchrei⸗
ber, die Zip⸗
felmütze auf
dem geſchore⸗
nen Kopf, die Horn⸗
brille auf der Spitz⸗
naſe, das Weltbuch
vor ſich aufgeſchlagen
und den finſtern Blick
in die Ferne gerich⸗
tet. Warum ſo finſter,
lieber Alter? Mür⸗
riſch antwortet er: Iſt
denn die Weltlage ſo,
daß man Lobeshym⸗
nen auf ſie anſtim⸗
men könnte? Was
haben wir denn er⸗
lebt? Worüber unter⸗
halten ſich die Haus⸗
frauen, wenn ſie vom
Markt heimkehren u.
die Männer, wenn ſie
hinter dem Schöpp⸗
chen ſitzen? Du weißt
es wohl: Von Teu⸗
rung, von uner⸗
ſchwinglichen Preiſen,
von drohendem
Kriegswetter undder⸗
gleichen. Selten, daß
man einem zufriede⸗
nen Menſchen be⸗
gegnet. Von denen
rede ich ja nicht, die mit feiſtem Vollmondgeſicht
auf ſchwellenden Autopolſtern dahinſauſen und
für die jeder Tag neue Wonne bedeutet. Es
ſind die behaglichen Kriegsgewinnler, die dick⸗
gefüllte Banknotentaſchen auf der Herzensſeite,
die ohne zu zucken die höchſten Preiſe zahlen.
Sie haben's ja. Sie ſind es, die die Preiſe in
die Höhe treiben, die dem Mittelſtand und dem
Arbeiter die zum Leben nötigen Brocken weg⸗
ſchnappen. Nein, von dieſen rede ich nicht.

Und doch, wenn ich das Jahr überblicke, finde
ich des Dankenswerten vieles; ja, als Chriſten⸗
menſch bekenne ich: Herr, mein Gott, ich bin
nicht wert aller Barmherzigkeit und Treue, die
du mir täglich erweiſeſt. Haſt du uns nicht
Frieden und ein reiches Erntejahr beſcheert?
Haſt du mir nicht mein täglich Brot gegeben?

Genieße ich nicht im
Kreiſe der Meinen
eine ſtille Freude und
ein Herzensglück, in
die der Lärm der
Weltpolitik und das
Gekläff der Unzufrie⸗
denen nicht dringt?
Verſuchen wir'’s
von dieſem erhabenen
Standort aus in ge⸗
drängter Kürze einige
Jahresereigniſſe an
unſerm Geiſte vor⸗
überziehen zu laſſen.
Der Wahlurne die
erſte Ehre. Sie hat
anno 1920 viel ge⸗
dient, für Gemeinde⸗
rats⸗, Bezirkstags⸗,
Deputiertenkammer⸗
und Senatswahlen.
Daß ſie nicht nach Je⸗
dermanns Geſchmack
ausgefallen ſind, iſt
ſelbſtverſtändlich. Ei⸗
nes darf man aber
ſagen: es iſt tüchtig
gearbeitet worden, u.
daß zwei elſäſſiſche
evangeliſche Geiſt⸗
liche in den Palais
Bourbon mit einge⸗
zogen ſind, war eine
Ehre für unſere Kir⸗
che. Möchte es auch für ſie und für unſer ganzes
Land ein Segen ſein. Unſere evang. luth. Kirche
hat ein neues Oberhaupt in der Perſon des
Herrn Ernwein erhalten, von deſſen Einſicht
und Tatkraft wir in dieſer kritiſchen Zeit viel
Gutes erwarten. Auch das Oberkonſiſtorium
iſt nun wieder in Tätigkeit.

Am politiſchen Himmel haben ſich er⸗
hebliche Veränderungen zugetragen. Präſident
Poincaré hat ſich nach erfolgreicher Tätigkeit,
da ſeine ſiebenjährige Amtszeit abgelaufen war,
von der höchſten Staatsſtelle zurückgezogen und
wurde durch den Präſidenten der Kammer,
Paul Deschanel erſetzt. Von dieſer ſym⸗
pathiſchen Perſönlichkeit wurde vieles erwartet.
Leider wurde er während einer Eiſenbahnfahrt
das Opfer eines Unfalles und mußte längere


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