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anſangen, und wovon die Astronomie ausgehen muſste, wenn sie sollte zu
Stande kommen. So weit der Bericht der Urwelt in mythischer Einkleidung
über den Beginn dieser Wissenschaft und ihr Vaterland.
Die Natur hat übrigens zu dem Einfalle, den Himmel mit Thieren zu he-
setzen, selbst einen Wink, und die erste Veranlassung gegeben. Das Sternen-
bild, welches man das Stierzeichen nennet, wie mehr es sich dem westlichen
Himmel nähert, stellet einen auffallenden Stierkopf dar, der an der blauen Decke
aufgehangen ist: eine Wahrnehmung, die jeder selbst machen kann, und die
sich den Alten wie den Neuern aufdrang. Das Krebszeichen hat, mit bloſsem
Auge betrachtet, viele Annäherung zur Gestalt des breitschildigen Krebses. Auch
in dem groſsen Bärengestirne ist noch eine Aehnlichkeit mit dem Umrisse des
Thieres zu finden; woher es gekommen seyn mag, daſs man auf diesem Wege
fortfuhr, und nachher willkührlich Thiergestalten am Himmel zusammensetzte,
wo auch weiter keine Anmahnung in der Lage und Reihe der Sterne vorhanden
war. Nun aber sah man bald ein, daſs die Stelle, welche diese Bilder ein-
nahmen, zu herrlich und erhaben für Thiere ist: eine Unschicklichkeit, der am
besten begegnet wurde, wenn man die Thiere zu Symbolen der Götter hei-
ligte; z wo sich sodann die Götter hinter thierische Leiber verborgen haben.
Nachdem man in der Folge, wie der phönikische Schriftsteller berichtet,
auf dessen Aussage ich mich im Eingange bezogen habe, ¹) nach der Anwei-
sung des Hermes die Abbildung dieser Sternenzeichnungen und Göttervorstellun-
gen auf Steinen und verschiedenen Stoffen versuchte, siehe da hatte man ur-
plötzlich Hieroglyphen, und ehe man sichs versah, war eine Thierschrift vor-
handen. Die Schrift kam also in der That, wie die alte Sage spricht, würklich
vom Himmel, und Thot, Thaut, oder Hermes, wie sie ihn nennen, der
Dollmetsche der Götter, brachte sie als ein überirdisches Geschenk zu den Men-
schen herab. Welch eine sonderbare Erscheinung; welche Verkehrtheit der
menschlichen Dinge; die Schrift gieng aus der Astronomie hervor! Und doch
unter diesen Umständen wie innerlich wahr! Die Schrift und Bildhauerey gleich
alt! Und doch im Grunde natürlich: die Bildhauerey war nur eine Schriſt, oder
die erste Schrift eine schlechte Bildhauerey.
¹) Sanchuniat. apud Euseb. praep. ev. L. I. p. 39. Man vergleiche den Eingang. p. 9.
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