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Phitha, der in Aegypten das Weltey mit göttlichem Kunstsinne organisch
bildete, muſste es anderswo einem andern Geiste überlassen, der seine Ent-
wickelung vollbrachte, einem zarten freundlichen Gotte, welcher sich vorerst
aus eigenem Vermögen von demselben absonderte, dann den Ueberrest ord-
nete, und unter sich verband. Es soll uns nicht stöhren, daſs es gerade
ein komischer Dichter seyn muſste, dem wir die ausführlichste Darstellung die-
ses kosmogonischen Philosophemes verdanken. ¹)
Im Anfange war das Chaos und die Nacht, und der finstere Erebos,
und der weite
Tartaros; aber die Erde, die Luft und der Himmel waren noch nicht,
da gebahr in
Des Erebos endlosem Schoſfse die Nacht, die schwarzbeschwingte, ein
Windey,
Woraus, nach Verlauf der gehörigen Zeiten, der liebliche Eros her-
vorkroch,
Schimmernd mit goldenen Flügeln am Rücken, der stürmenden Winds-
braut an Gewalt gleich —
Damals war das Geschlecht der Unsterblichen noch nicht vorhanden;
bis Eros
Alles mit Allem vermischte. Aus dieser Vermischung entsprang nun
der Himmel
Und die Erd' und das Meer, und der ganze Stamm der unsterblichen
Götter.
Es fällt in die Augen, daſs der muthwillige Dichter in diesem Schöpfungs-
gemälde zum Theile den Hesiodos parodirt (Theog. 116 — 124.) bis auf jene
Stellen, welche des Eyes erwähnen, was Hesiodos in seinen Götterzeugungen
auslieſs; vielleicht aus Frömmigkeit, wie es oft dem Vater der Geschichte
ergieng, der bey solchen Gelegenheiten sich immer selbst erinnerte, seinen
Mund rein zu halten. In den orphischen Geheimnissen nämlich bewahrte man
von dem Ey den heiligen Sermon, daſs es die ganze Schopſung allumſassend
¹) Aristophan. Aves, 695. f. f. nach der Wielandischen Uebersetzung im neuen attischen
Museum.
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