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eine ſolche Höhe des Geſchickes auf ſich, und ſelbſt das Un⸗
glück brachte ſie nicht zu einer richtigern Anſicht¹).
Hören wir noch den Suetonius: im ganzen Orient war
eine alte und ſicher beglaubigte Meinung verbreitet, es liege
im Gange der Geſchicke, daß damals die von Judäa
ſich der oberſten Gewalt bemächtigen werden. Was
ſich als Vorſagung von dem römiſchen Feldherrn durch den
Ausgang bewährt hat, bezogen die Juden auf ſich, und wag⸗
ten den Aufruhr ²).
Dieſelbe Idee von Meſſias beſtand ſchon in den Tagen
Jeſu. Die von Kaigphas an ihn geſtellte Frage, die Anklage
der Hochprieſter, die Frage des Pilatus, ob er ein König
ſey? das Geſpötte der Krieger, die ihn als König der Juden
grüßten, die Tafel über dem Kreuze, welche ihn als König
der Juden bezeichnete und mehreres Andere iſt Jedermann
erinnerlich.
Die Jünger, in dieſen Vorſtellungen aufgewachſen, wollten zur
Rechten und Linken am Stuhle ſeines Reiches ſitzen; die beiden
auf dem Wege nach Emmaus hatten gehofft, der nunmehr Ge⸗
ſtorbene werde Iſrael befreien; und als Jeſu die Jünger an
den Oelberg führte, um Zeugen ſeiner Auffahrt zu ſeyn, frag⸗
ten ſie ihn noch, ob er wohl in dieſer Zeit das Königthum
Iſrael wieder herſtellen werde?
Aus dieſer prunkhaften Herrlichkeit eines Heerführers, Erobe⸗
rers und Königes konnten die Verfaſſer der Evangelien keine
Züge nehmen zur Darſtellung eines Mannes, der von dem
Allem nichts an ſich hatte, deſſen ärmliche Lebensverhältniſſe
und ſchmählicher Tod lautkündig waren.
Ein ſolcher Meſſias, wie ihn die Jünger dachten, wie ihn
das Volk hoffte, war nun einmal Jeſu nicht; ſie hatten ſich
getäuſcht; die Geſchichte war zu Ende, die Rolle ausgeſpielt.
Das war ſie; hätten ſeine Schüler nur Gemeines und Alltäg⸗
liches an Jeſu wahrgenommen, hätten ſie nichts Außerordent⸗
¹²) Historiar. L. N. c. 13.
²) In Vespasian. C. 4.
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