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Frage ab, ob ſie ſich in der Zwiſchenzeit nie beſucht, nie ge⸗
ſehen haben? Ich habe keinen Grund es zu bejahen; aber
auch nicht zu verneinen: „Allein, ſagt man, war der Maria
als Verlobten der Weg von Nazaret in das jüdiſche Gebirge
nicht zu weit geweſen: wie ſollte er es den beiden Söhnen, als
ſie zu Jüngligen heranreiften, geweſen ſeyn?“ L. J. II. Abſchn.
1. K. §. 44. S. 390. Auf dieſes „allein“ läßt ſich ein an⸗
deres „allein“ erwiedern. Bei Marien handelte es ſich um
etwas weit Dringenderes; ſie ward ſchwanger befunden, ohne
einen Mann erkannt zu haben. Die Engelerſcheinung hatte ihr
angeſagt, ſie werde empfangen durch Gottes Kraft: unerhört
und unglaublich! Den Beweis für die Wahrheit dieſer Vor⸗
ſagung hatte ſie bei der greiſen Eliſabeth, der ünfruchtbaren
zu ſuchen, die ſchon im ſechsten Monate mit einem Kinde
gehe. Bis ſie das Zeichen geſehen hatte, war ſie in einem
Zuſtande der Ungewißheit und Beängſtigung, ob es eine
freudige Löſung ihres Kummers gebe. Das war es, was ſie
unaufhaltbar zu der weiten Reiſe trieb. So gebieteriſche Ur⸗
ſachen hatten die beiden Knaben nicht, ſich zu ſehen; der Fall
Mariens iſt einzig, und paßt nicht auf die Söhne. Das
weitere, was von der ſträflichen Gleichgültigkeit der beiden
Familien geſagt wird, wenn ſich die Söhne nie beſucht hät⸗
ten, fällt von ſelbſt weg; wie ich zugebe, ſie haben ſich
beſucht. Alſo ja: ſie mögen ſich beſucht haben, als ſie zu
Jünglingen herangereift waren; aber ihre Heimath lag vier
Tagereiſen auseinander; der Hin- und Herweg betrug acht
Tage: immerhin eine Entfernung groß genug, die Wieder⸗
holung ſolcher Begrüßungen hinzuhalten. Der Zwiſchenraum
einiger Jahre, beſonders in der Periode der Entwickelung des
Jünglings zum Mannesalter, iſt hinreichend, in Geſichtsbil⸗
dung und Geſtalt Vieles zu ändern, ſo daß man in der
Ungewißheit die Züge ſammeln muß, un ſich wieder zu er⸗
kennen. Was läßt ſich dagegen ſagen: wer könnte behaup⸗
ten, ſie haben ſich ſo oft und in dieſen und dieſen Jahren
beſucht, und mußten ſich folglich gekannt haben? So lange
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