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die Erzählung des Lukas ſey nemlich ſo gefaßt, daß ſie nicht
ein früheres Verhältniß, ſondern ein Fremdeſeyn oder ein
Fremdethun beider Theile ausdrücke. Ich finde das nicht.
Kennet ja der Herr nicht blos den Petrus, ſondern auch
ſein Schiff, und nimmt es in Beſitz, ohne eine Widerrede zu
beſorgen; als der Eigenthümer herzu kam, erſucht ihn Jeſu,
ein wenig vom Ufer abzuſtoßen, und fährt fort zu lehren,
als wäre er deſſen gewiß, Petrus wolle Zuhörer ſeyn, und
ſey durch kein Geſchäft abgehalten von ſolcher Dienſtleiſtung,
die freilich hintennach reichlich belohnet wird. Wo ihn nun
der Herr auffodert, das Netz zum Fange auszuhängen, be⸗
grüßet er ihn in der Antwort als Vorſteher, e;στατππ ,
bezeugt, daß er wenig Hoffnung hege; aber auf ſein Wort
werde es gleichwohl geſchehen. Soll das achtungsvolle Be—
tragen des Petrus etwa als fremd oder befremdend erſcheinen?
Laſſe man alſo die Erzählung des Lukas in dem Zuſam⸗
menhange, in dem er ſie aufgeführt hat, bald nach dem
Beſuche Jeſu in dem Hauſe des Petrus, wo er deſſen Schwie⸗
germutter geheilet hat. Luk. IV. 38 — 40.
Statt ſo an dieſem Geſchichtstheile herumzunecken, würde
man beſſer ſagen: die Erzählung bewegt ſich in einer richtig
begriffenen Umſtändlichkeit, und hält den Ton eines Zuſchauers.
Sehr wahr iſt der hervorbrechende Angſtſchrei des Petrus,
als er die Unzahl Fiſche und in ihnen den Beweis von der
Gegenwart eines höhern Geiſtes vor ſich hatte, und zeichnet
ihn ganz, wie er iſt und empfindet; er fiel vor Jeſu auf die
Kniee: verlaſſe mich, denn ich bin ein ſündiger Menſch, o Herr!
Noch bleibt übrig ein Hauptvorwurf, das Wunder.
Dieſer Vorwurf wird bei jeder das Menſchliche überſchreitenden
Geſchichte wiederholt. Die Supranaturaliſten, ſobald ſie das
Uebermenſchliche gewahren, beruhigen ſich, und erblicken darin
die Schranke ihres Wiſſens, über welche den Sterblichen hin⸗
auszukommen nicht verwilligt iſt. Die Rationaliſten verwei⸗
gern allen Erzählungen, welche ſich über die gewöhnliche
Ordnung der Dinge hinwegheben, die Glaͤubwürdigkeit,
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