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ein auderes Mal fragten ſie ſich: was ſoll wohl das heißen:
von den Todten erſtehen? Das dritte Mal wurden ſie trau⸗
rig, hatten aber den Muth nicht zu fragen, was die Worte
bedeuten; doch wußten ſie, was das heißt, getödtet werden,
und was im gemeinen Volksglauben das Erſtehen von den
Todten ſagen will. Daran mangelt es nicht; die Unver—
ſtändlichkeit lag nicht im Ausdrucke, ſondern in der Unver⸗
einbarkeit dieſer Begegniſſe mit der Idee des Meſſias. Rufen
wir uns aus dem erſten Theile dieſes Gutachtens §. 8. S.
19—23 die zu den Zeiten Jeſu umlaufende Vorſtellung vont
Meſſias zurück. Wir ſahen dort das Bild des mächtigen
Herrſchers und ſiegreichen Eroberers, welcher ſich den Orient
unterwerfen, die Juden zum Hauptvolke erheben, und noch da⸗
zu ewig leben ſollte, 5 ριοτν ει 1ον ααοαιοας. Joh.
XII, 14. Damit war es wohl nicht möglich, die Worte von
ſeinem gewaltſamen Tode durch Prieſter und Geſetzlehrer in
Uebereinſtimmung zu bringen, und noch weniger das Wieder⸗
erſtehen von den Todten: wie ſollte der von Todten erſtehen,
der immerfort lebt? Erſt nachdem der Getödtete wieder lebend
unter ſie trat, gieng ihnen ein Licht auf zum Verſtändniſſe
der mehrmals und noch vor wenigen Tagen wiederholten Vor—
ſagung von ſeinem Tode und ſeiner Wiederbelebung.
Unerwartet und urplötzlich traf ſie alſo das größte Un⸗—
glück: ſie hatten einen geliebten Lehrer durch einen gräßlichen
Tod und damit ihre ſchönſten Hoffnungen und die Hoffnun⸗
gen Iſraels verloren. Wie konnten ſie ſich in den Zwiſchen⸗
tagen bis zur Auferſtehung anders benehmen, als daß ſie
von ſchmerzlichen Gefühlen überwältigt rathlos ihrem Unglück
nachgiengen, der Gegenwart unterlagen, und das Vergangene
nicht begriefen.
Dieſem gerade entgegengeſetzt war das Betragen der Feinde
Jeſu, welche Matth. XXVII, 62. f. ſeine Worte, nach drei
Tagen werde ich wieder erſtehen, buchſtäblich auffaßten, und
ſich deswegen eine Wache von Pilatus erbaten, damit nicht
die Jünger den Leichnam ſtehlen, und ſagen, er ſei erſtanden.
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