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einem ſterbenden und leidenden Meſſias nichts wiſſen wollten.
Ju dieſer Hinſicht enthielten nach der alten von Vielen ver⸗
laſſenen Deutung des Pfalmes, die aus ihm erborgten Stellen
einen beißenden Spott auf den Pſeudomeſſias, worin ſich die
Archonten und Schriftgelehrten ſogar witzig dünken mochten.
Das Beſorgniß aber, „als hätten die Synedriſten die Worte,
welche den Feinden des Frommen in den Mund gelegt ſind,
nicht adoptiren können, ohne ſich ſelbſt als Gottloſe hinzu⸗
ſtellen,“ iſt nicht dringend; die Worte ſind in Allgemeinheit
geſprochen, alle die mich ſehen, ſpotten meiner; u. ſ. w.
ſie theilten alſo dieſe Unart mit einer Menge Menſchen, wozu
ſie ſich leichter verſtehen konnten, da dieſelben nicht als gottlos
bezeichnet ſind; erſt ſpäter, wo der Leidende über Angriffe
auf ſein Leben klagt, iſt von Feinden und grauſamen Feinden,
von Stieren Baſans, von Löwen die Rede.
Nach der Erzählung des vierten Evangeliums war Jo⸗
hannes beim Kreuze und die Mutter Jeſu, ihre Schweſter
und die Magdalenerin. XIX. 25, 28. Dapon ſagen die
Synoptiker nichts; es iſt alſo unrichtig. — Die bekannte
Finte unſeres Gelehrten, welcher ich die unwiderſprechliche,
oft wiederholte Behauptung entgegenſtelle: der Charakter des
vierten Epangeliums iſt ergänzend; hätten die Andern Alles
aufgeſchrieben, ſo hätte er nichts mehr hinzuthun können.
Lukas XXIII. 49 erzählt: in der Ferne ſtanden alle Be⸗
kannte oανιες ͤ rονοτνοσο; darunter ſind wohl auch die
Ife mitbegriſfen; doch verſichern die Synoptiker, die Apoſtel
haben bei der Gefangennehmung Jeſu die Flucht ergriffen.
Sind die Apoſtel nur Bekannte? Bekannte ſtehen im äußerſten
Kreiſe der Menſchen, mit denen man in Berührung gekommen
iſt; die übrigen ſind Unbekannte. So bedingt es der bibli⸗
ſche Sprachgebrauch: die pvwνooον ſind verſchieden von oον⅞
7evρρρρ, Luk. II, 44; den pwuνοοτοος gehen ſogar die pαοννρα
vor, Pſalm XXX. 12, und ohnehin die 16, Pſalm
LXXXVII. 19; Bekannte ſind alſo nicht Anverwandte, nicht
Freunde, nicht Nachbaren: nur uneigentlich und in allge⸗
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