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aus den Gräbern nach ſeiner Erſtehung giengen ſie
in die heilige Stadt, und erſchienen Vielen. Matth. XXVII.
51 — 54. Auch das ſehe ich als ein natürliches Begegniß
an, und ſo habe ich es erkläret in der oft angeführten Zeit⸗
ſchrift. Ich nehme keine Wunder an, wo ich nicht muß;
eine Nöthigung finde ich hier nicht: das Erdbeben war der
Anlaß dieſer Todtenerſcheinungen. Die Frage, von der das
Verſtändniß des Herganges abhängt, iſt dieſe: wann ereig⸗
neten ſich dieſe Todtenbeſuche? Der Evangeliſt giebt die
Zeitbeſtimmung an: es geſchah nach ſeiner Auferſtehung,
uerœ tν eyοον ε τιοο. Der Sabbath war alfo zu Ende.
Bis dahin hatten die Eigenthümer der Familengräber keine
Kenntniß von den Beſchädigungen, die das Erdbeben in dieſen
Felſengemächern angerichtet hat, weil ſich die meiſten während
der Sabbathruhe zu Hauſe hielten. Die Auferſtehung des
Herrn war geſchehen, als ſie die Verwüſtungen nachfahen.
Bei dieſem Beſuche ließen die Riſſe in dem Geſteine und die
Steinthüren, durch die Erſchütterung losgemacht und heraus⸗
geworfen, ihnen die Ueberreſte ihrer Abgeſchiedenen, wie ſie
am Boden oder auf Steinbänken niedergelegt waren, anſichtig
werden. Daß nun Manchen die Geſtalten theurer Todten
im Traume vorkamen, zumal wo die gegenſeitigen Erzäh⸗
lungen von dem, was andern begegnet war, das Gemüth
mit ſolchen Bildern erfüllte, konnte pſychologiſch nicht aus⸗
bleiben. Es konnte ſogar im Zuſtande nächtlichen Wachens
geſchehen. Als Hannibal, ein weit früherer als der Erbfeind
der Römer, bei der Belagerung von Agrigent an der Hei⸗
ligkeit der Graͤber ſich frevelnd vergriff, und ſie zertrümmern
ließ, um aus ihren Bauſtücken Werke gegen die Stadt zu
errichten, entſtand eine große Sterblichkeit in dem Lager, und
einige Soldaten, die auf die Vorwachen aufgeſtellt waren,
brachten die Meldung, daß zu Nacht die Geſtalten der Ab⸗
geſtorbenen erſcheinen). Allen Geiſtererſcheinungen aber liegt
1) Diodor. Sic. L. XIII. c. 86.
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