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von zwei Erſcheinungen, die den Frauen begegnet find; zuerſt
erſchienen ihnen die Engel, dann aber Jeſu ſelbſt, deſſen
Füße ſie umfiengen, und den ſie anbeteten. Dieſe letzte Er⸗
ſcheinung wird von Johannes ausſchließend der Magdale⸗
nerin Eigelent mit dem Beiſatze, daß Jeſu die Anbetung
verweigert habe, welche ihm, ſo lange er ans Irdiſche ge⸗
bunden ſey, noch nicht gebühre. Lukas übergehet, was die
Magdalenerin geſehen, giebt uns aber ein anderes ergän⸗
zendes Glied des Begegniſſes, wie nemlich Petrus zum Grabe
gieng, und die Todtentücher anſichtig wurde. XXIV. 12.
Augenfällig liegen die Elemente der Johanneiſchen Erzählung
zum großen Theile ſchon in den drei erſten Evangelien, deren
Verfaſſer, was jedem die Erinnerung aus der Botſchaft der
Frauen vergegenwärtigte, zu Tage gebracht hat. Aber zu
ſcheiden, was nicht zuſammen gehört, und zu geben, was
jedem gebührt, blieb dem Johannes vorbehalten, der gemäß
ſeiner Richtung, die Thatſachen näher zu beſtimmen und zu
vervollſtändigen, uns mit einem wohlgeordneten und ein⸗
nehmenden Bilde, ſtatt der Bruchſtücke, beſchenkt hat.
Ein ſcheinbarer Einwurf könnte vielleicht noch Jemanden
irren; es ſind die Worte des Markus von der Engeler⸗
ſcheinung, welche den Frauen geworden iſt: Sie giengen aus
dem Grabe und ergriffen die Flucht, denn ſie waren vor
Schrecken außer ſich, und getrauten ſich Niemanden etwas
zu ſagen. XVI. 8. Den letzten Satz nahm man als all⸗
gemein geſprochen: ſie haben durchaus nichts von dieſem
Vorfalle geredet; um nemlich die Frage daran zu knüpfen:
wie konnte man denn etwas von dem Vorgange wiſſen?
Bedenkt man hingegen, daß das Stilleſchweigen der Frauen
lediglich eine Folge des Gemüthszuſtandes, wie er geſchildert
wird, geweſen iſt, ſo hat es wohl nicht länger gedauert als
der Zuſtand, welcher die Urſache deſſelben war. Nachdem
aber die Magdalenerin mit der Nachricht auftrat, ſie habe
ſogar den Herrn geſehen, und keinen Glauben fand, Mark.
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