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ſie vor der Abführung zum Tode die Geißelung zu erſtehen
hatten; aber die quaestio per tormenta war die ſchrecklichere,
weil ſie nicht ruhete, bis ein Bekenntniß der Schuld erpreßt
war, oder, wo dennoch keines erfolgte, der judex quaestionis
ausſprach, es ſei der Peinigung genug geſchehen.
Auch waren die Mißhandlungen, welche bei der Poſſe
der Königskrönung vorgiengen, dazu gemacht, die Kräfte des
Leidenden herunterzuſtimmen.
4. Es zeigte ſich bald, wie viele Lebenskraft gleichſam
tropfenweiſe verloren war. Jeſu war nicht mehr im Stande,
ſein Kreuz bis zum Orte der Hinrichtung zu ſchleppen. Die
faulen Prätorianer, die ſo eben ſich an ſeiner Mißhandlung
ergözt hatten, erkannten die Noth, ihm Hilfe zu leiſten, legten
aber keine Hand an, ſondern forderten den nächſten beſten,
der ihnen begegnete, zum Frohndienſte auf. Sie nämlich
gewohnt, auf Reiſen und auf Zügen, wie ihnen ein Menſch
in den Wurf kam, ihm ſogleich ihr Gepäcke aufzuladen, oder,
wie ſie ein Thier trafen, ſich aufzuſetzen, um ihre hohe Perſon
fortzubringen, zwangen Simon von Cirene, den Vater des
Alerander und Rufus, das Kreuz auf ſich zu nehmen. Eine
Widerrede konnte zu nichts verhelfen als zu Schlägen ¹), die
ſie auch nicht geſpart haben würden, bei Jeſu in Anwendung
zu bringen, wenn ſie nicht ſeine gänzliche Verlaſſenheit von
Kräften eingeſehen hätten.
Den Labetrank, welchen vornehme Frauen fuͤr die un⸗
glücksſöhne bereiteten, die zum Richtplatz geführt wurden,
nahm er nicht an; er enthielt nämlich Beſtandtheile zur Unter⸗
drückung des Bewußtſeins.
L 5. Es war ungefähr eine halbe Stunde Wegs, den er
zurücklegte bis zum Orte der Hinrichtung. Zwar wurde ihm
die Laſt des Kreuzes abgenommen; doch mehrte auch dieſer
Gang die Entkräftung. Nun fieng erſt das Schlimmſte an,
1) Apulcii, metamorph. L. IX. gegen das Ende und L. X. im An⸗
fange. Arriani Epiotet. L. IV. c. 1. §. 79.
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