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Emmaus, dann den verſammelten Apoſteln erſchienen iſt,
und nach acht Tagen abermals ſich in ihrer Mitte eingeſtellt
hat. Statt deſſen, wie gefagt, eilet er dem Ende der Ga⸗
liläiſchen Geſchichte zu. Er hielt nämlich die Auferſtehung
für völlig beurkundet, wenn er außer dem Berichte der Frauen
eilf verſammelte Zeugen namhaft machte, die Jeſu am Ga⸗
liläiſchen Berge nicht nur geſehen, ſondern auch gehört haben,
wie er die Worte des Abſchieds ſprach. Den Anlaß aber zu
dieſem weiten Sprunge fanden wir in dem Befehle des En⸗
gels an die Franen, den Jüngern zu bedeuten, daß ſie ſich
nach Galiläa verfügen, wo ſie den Herrn ſehen werden.
Der angeregte Gedanke an Galiläa führte nemlich den Schrift⸗
ſteller hinweg über die Zwiſchenhandlungen zu den letzten
Worten in Galiläa und an das bald zu erreichende Ende
ſeines Buches.
Ueberhaupt, um ihn zu begreifen, müſſen wir uns die
Geſchichtſchreibung der Griechen und Römer aus dem Sinne
ſchlagen. Die Vorſtellung welche Matthäus von ſeiner. Auf⸗
gabe hatte, war nicht eine vollſtändige Biographie Jeſu
ſeinen Zeitgenoſſen in die Hände zu legen nach Art der claſ⸗
ſiſchen Autoren, welche die Ganzheit des ergriffenen Gegen⸗
ſtandes umfaßten, wie z. B. Tacitus im Leben des Julius
Agricola. Unbekannt mit den Gedanken ein kunſtgerechtes
Geſchichtbuch fertigen zu wollen, behalf er ſich damit, ſeine
Erinnerungen, wie ſie ihm im Geiſte aufgiengen, in Schrift
zu bringen, wozu ihn das Beduͤrfniß ſeiner Beit mufforderte.
Nach dieſem Maßſtabe muß ſich das Urtheil des Kritikers
bilden, wiefern, wenn Matthäus ewas nicht erzählt, was
andere berichten, ſein Stillſchweigen ihr Anſehen entkräfte.
Die Richtung des Johanneiſchen Buches iſt eine ganz
andere. Wir haben mehrmal im Verlaufe dieſer Unter⸗
ſuchungen die Wahrnehmung gemacht, daß der Evangeliſt
Vorfälle oder Umſtände zu erzählen unterlaſſen hat, die ihm,
wie er es ſelbſt verräth, wohl bekannt waren. Man er⸗
innere ſich an die Geſchichte der Taufe Jeſu und des letzten
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