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Das richtige quantitative Verhältnis der Teile und
des Ganzen heißt symmetria, die Anordnung nach der
Größe ordinatio, jene nach der Qualität disposilio; die
Anordnung nach dem Material endlich nennt man distri-
butio.
Es wäre verfehlt, dieses philosophische System in
der Kunst als ganz aprioristisch aufzufassen. In der
bildenden Kunst zeigt uns zwar die Ueberlieferung eine
gewisse historische Reihenfolge. Die Aegypter arbeiten,
um die vitruvianische Terminologie beizubehalten, nach
Plato und Diodor rein taktisch und symmetrisch; die
älteren griechischen Künstler folgen ihnen darin nach
(Telekles und Theodoros); Pythagoras von Rhegion kombiniert
zum erstenmal Symmetrie und Eurythmie; von
da an bekämpfen sich zwei Richtungen, von denen die
eine im allgemeinen die innere Gesetzmäßigkeit, die
andere die äußere Schönheit der Darstellung stärker
betont. In der Baukunst fehlt jede historische Ueberlieferung
, zeitlich kann jedoch die Entwicklung der
Eurythmie unmöglich so spät angesetzt werden wie in
der bildenden Kunst. Entasis der Säulen finden wir bei
dorischen Tempeln in einer Epoche, wo von griechischer
Philosophie überhaupt noch kaum die Rede ist. Auch
hier scheint aber eine Entwicklung, die auf Steigerung
des eurythmischen ausgeht, vorzuliegen. „Die ältesten
Säulen scheinen gar nicht oder nur sehr wenig geschwellt
zu sein, dann haben auf einmal die Säulen aus der späteren
Zeit des alten Stiles sehr kräftige Schwellung usw."1
Diese Untersuchungen führen jedoch auf das Gebiet der
Praxis und können hier nicht weiter erörtert werden.
1 Puchstein-Koldewey, Die griechischen Tempel in Unteritalien
und Sizilien S. 205.
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