Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/kraez_08/0053
geblich. Bald darauf erfuhr Matthias zufällig, daß
ein junger Soldat auf Fort Henry/Kentucky sei. Er
reiste sofort dorthin, fand den Vermißten aber
nicht. Der ausführliche Bericht schließt mit der
traurigen Feststellung: „Mit einem Schreiben an
Euch habe ich immer gezögert bis ich ganz
gewisse Kunde über ihn hätte, um Euch keinen
unöthigen Kummer zu verursachen; jetzt aber
ist alle Hoffnung über Leben u. Tod Karl's bey
mir Verschwunden. Ein Zufall oder er selbst
können nur Aufschluß geben. Seinen Koffer hab
ich erbrochen, er enthielt noch einige grobe
Hemden, ein paar alte Hosen, die Jacke, Winter
Mütze, Jagd Tasche, Flöthe unbrauchbar, drey
Garten Bücher, Schul- u. Gebethbuch, Faden,
Fettbüchse, Baum Messer u. Wanderbuch überhaupt
hier werthlos".

Weitere zehn Monate zwischen Hoffen und Bangen
vergehen für die Eltern und Geschwister in
Schramberg. Endlich, im Spätsommer 1855,
mehr als zwei Jahre nach seinem Abschied, meldet
sich Karl August, und zwar überraschenderweise
von den Neffen aus Baltimore. In seinem
Brief bittet er um Verzeihung, daß er so lange
nichts von sich hören ließ. Er nennt zwar keinen
Grund für sein langes Schweigen, aber aus dem
Bericht seiner Erlebnisse in den vergangenen
zwei Jahren wird dieser deutlich: Er, der mit
vielen Hoffnungen und großen Erwartungen in
das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten" aufgebrochen
war, hatte bis dahin nur Enttäuschungen
und Mißerfolge erlebt. Klar wird auch, warum
er zu den Peters, die er so schmählich im
Stich gelassen hatte, zurückkehrt. Er hofft dort
nämlich eine Nachricht von daheim vorzufinden
, denn Tag und Nacht - so bekennt er freimütig
— seien seine Gedanken im Anfang dort gewesen
und auch jetzt noch könne er seine „liebe
Heimat" nicht vergessen. Auch den Zeitpunkt
für diese Verbindungsaufnahme wählt er geschickt
. Nun hat er, der bislang nur versagt hat,
endlich etwas vorzuweisen, wenn auch nur eine
vage Hoffnung. Er will, dem Zug der Siedler
folgend, nach dem Westen, um nun dort sein
Glück zu machen. Selbstbewußt und zuversichtlich
beginnt er deshalb so: „vor dem Antritt
meine Reiße nach der West (sie!), fühle ich mich
gedrungen einen Brief an Euch zu schreiben."
Und gegen Ende des Briefes: „Liebe Eltern, ich
bin nun gesonnen, mein Glük in den westlichen
Staaten zu propieren, wo mehr Arbeit und bessern
Verdienst seyn soll, da werde ich, wann es
Gottes Wille ist, daß ich gesund bleibe und Glük
habe, Euch auch etwas Geld in Bälde zusenden."
Ausführlich berichtet Karl August in diesem
Brief, wie er die beiden Jahre verbracht hat. Er
hatte zunächst beim Eisenbahnbau gearbeitet,
wo er um 24 Dollar betrogen wurde. Dann war
er Landarbeiter bei verschiedenen Farmern in
Lancaster/Pennsylvania gewesen. Er schreibt
von den starken Klimaschwankungen, die der
Gesundheit zusetzen und leicht das „kalte Fieber
" hervorrufen, von der Verwendung von Maschinen
in der Landwirtschaft, so z.B. für das
Säen, Dreschen, Welschkornschälen, und natürlich
von seinem Lohn, nämlich VA—V/2 Dollar
pro Tag. Nachdem er die Preise einiger Grundnahrungsmittel
(Barrel Mehl 13 Dollar, Bushel
Kartoffeln VA Dollar, Pfund Rindfleisch 16 Cent)
aufgezählt hat, nennt er die Kosten für einen
Rock (10 Dollar) und ein Paar Stiefel (4-5
Dollar) und kommt zu folgendem Schluß: „Alles
was man hier derart kauft, ist schlecht gearbeitet
, indem in Amerika alles blos in das Gesicht
fabriziert wird".

Seine Beobachtungen und Erfahrungen beschränken
sich aber nicht auf solche Alltäglichkeiten
. Mit seinen nun 21 Jahren verfolgt er mit
scharfem Blick und wachem Verstand die Entwicklung
im Land und stellt lapidar fest: „Es hat
das Aussehen, daß wir in kurzer Zeit einen Bürgerkrieg
haben." In diesem Zusammenhang
spricht er von einer neuen Partei — gemeint ist
die American Party, deren Spitzname „Know-
Nothings" (Nichtswisser) war, weil ihre Mitglieder
anfangs jede Auskunft zu verweigern hatten
- die sich gegen die Überfremdung durch Einwanderer
wende, die den nach ihrer Meinung
zunehmenden Klerikalismus bekämpfe und für
rigorose Prohibition eintrete. Zu letzterem Karl
August wörtlich: „Ferner wollen sie (die Anhänger
dieser Partei) dem Volk entziehen alles geistige
Getränk, als Brantwein, Bier u. sie haben es
schon so weit gebracht, daß man Sonntags nichts
derart bekommen kann und man den ganzen Tag
in der Langweil herumlaufen muß." —
Beinahe weitere zwei Jahre vergehen, ehe die
Eltern und Geschwister erneut einen Brief von
ihm erhalten. Darin bittet er um Verzeihung,
weil er wiederum so lange nicht geschrieben
habe, und nennt dann den beim letzten Brief
vermuteten Grund: „Mein Schiksal war danach,

53


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/kraez_08/0053