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ren Teilnehmer aus Schramberg „von dessen
Unausführbarkeit sich überzeugt hatte". Während
aber die anderen Anführer des Aufstandes
nach Hause zurückkehrten, dort verhaftet und
abgeurteilt wurden, entzog sich Popp dem staatlichen
Zugriff durch Flucht. Über sein weiteres
Schicksal ist außer der erwähnten Bemerkung in
der Anklageschrift nichts bekannt.
Schramberg als eines der Zentren des Aufruhrs
wurde von Militär besetzt, politische Aktivitäten
wurden untersagt und die Vereine aufgelöst, allen
voran der wegen seines nationalen und republikanischen
Geistes besonders verdächtige
„Sängerbund". Das Vereinsleben kam danach
verständlicherweise nur langsam wieder in
Schwung und mußte sich zudem enge Grenzen
und argwöhnische Beobachtung gefallen lassen.
Was blieb in dieser Zeit der Restauration einem
Gesangverein anderes übrig als sich biedermeierlich
zu bescheiden und auf die Pflege des
Liedes und der Geselligkeit zu beschränken?
Daß es einen solchen bald wieder gab, bezeugt
Carl Faist in seinen „Erinnerungen": Er habe in
jungen Jahren wegen seiner guten Tenorstimme
nicht nur im Kirchenchor, sondern auch im
„Herrengesangverein" — nicht zu verwechseln
mit der 1884 gegründeten „Lyra", die man mit
demselben Attribut belegte - mitgesungen. Dirigent
dieses Vereins war wiederum J. B. Braun,
was die Vermutung nahelegt, daß es sich um eine
Wiederbelebung des „Sängerbunds" aus der Zeit
vor der 48er Revolution handelt.
Beim Gauliederfest des Schwäbischen Sängerbundes
am 2. August 1857 in Oberndorf befinden
sich unter den teilnehmenden 18 „Liederkränzen
" auch die von Schramberg und Wald-
mössingen. Anstelle der aufgelösten Bürgermilitärkapellen
nehmen nun Musikvereine an dem
Fest teil, dabei ist ebenfalls Schramberg und
Waldmössingen vertreten. Rein organisatorisch
betrachtet läuft dieses Fest ab wie alle bisherigen
Sängerfeste, auch das von 1846 in Schramberg.
Doch der Geist ist ein ganz anderer geworden:
Nichts mehr von jenem stürmischen Verlangen
nach deutscher Einheit, sondern lediglich ein
leises Bedauern über das „zerstückelte deutsche
Vaterland", dessen kulturelle Einheit wenigstens
im deutschen Lied bewahrt werden müsse. Statt
der Ausrichtung auf die Gegenwart Flucht in die
Vergangenheit, genauer gesagt, ins Mittelalter!
Die neue Fahne des Schwäbischen Sängerbundes
, vom Stuttgarter Künstler K. A. von Heideloff
entworfen und nun zum ersten Mal vorgeführt,
sagt eigentlich alles: In der Mitte das staufische
Wappen, darüber die Kaiserkrone mit dem
Reichsadler, ferner die Wappen der im alten
Herzogtum Schwaben bereits existierenden
Städte, 38 an der Zahl, nicht zu vergessen die nur
auf Schwäbisch sich reimende Inschrift:
Noch blüht im Schwabenlande heut'
Das Lied wie einst zur Stauferzeit.
Die letzten Jahre des ersten Schramberger Gesangvereins
liegen im Dunkeln. Carl Faist berichtet
lediglich, daß ihn J. B. Braun bis zu seinem
Tode im Jahre 1872 dirigiert habe, sein
Nachfolger sei Stadtschultheiß Waller, ein Sohn
des ersten Dirigenten Wendelin Waller, geworden
. Er habe aber den Dirigentenstab krankheitshalber
bald wieder niederlegen müssen. Er, offensichtlich
ein Mäzen des Vereins, habe diesem
einen „Vereinshumpen von Birkenrinden" gestiftet
, der „jetzt im Besitz der Lyra" sei. An sich eine
Belanglosigkeit, die aber eine Beziehung zwischen
dem alten „Herrengesangverein" und dem
neuen, der „Lyra", andeutet! Und in der Tat,
unter den ersten Mitgliedern des 1884 gegründeten
neuen Vereins finden wir neben Stadtschultheiß
Waller auch Carl Faist wieder. Was aber
geschah mit dem alten Verein, unserem „Sängerbund
"? Waller berichtet 1872 in seiner Chronik:
„Es besteht... ein Männergesangverein mit etwa
20 Mitgliedern und ein weiterer Gesangverein
von etwa 30 jungen Männern". Es ist unschwer
zu erraten, wer die beiden sind: Der eine ist der
in den Wirren der Zeit dezimierte und überalterte
„Sängerbund", der andere der erst vier Jahre
zuvor gegründete, junge und dynamische „Liederkranz
". Was mag in Gustav Maier, dem letzten
Fähnrich des alten Vereins vor sich gegangen
sein, als er, laut Anklageschrift selbst ein „48er",
1874 bei der Auflösung diesen jungen Leuten
seine Fahne übergab?
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