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nüchterne Feststellung, man bekomme hier
Bohnen statt Erbsen, und „Hering sindt unser
Sallme". Die in Holzfässern eingesalzenen Heringe
(ahd. harinc) wurden von Kaufleuten
bis nach Süddeutschland gebracht. Sie waren
ein einfaches, aber keineswegs billiges Nahrungsmittel
, das aber in der Fastenzeit sehr
begehrt war. Um an Heringe zu kommen,
muß man sie - so Hans Reiseisen in einer
Randbemerkung - „uff zwei oder drei meil
holen". Da die Meile hierzulande, nämlich die
österreichische wie auch die württembergische
, seinerzeit etwa 7,5 km betrug, wird er
damit wohl das Städtchen Schiltach (über
Aichhalden!) gemeint haben. Daß er beim
Verspeisen von Heringen sehnsüchtig an Salinen
(ahd. salmo, obd. für Lachs) denkt, kann
man dem jungen Mann aus Straßburg, wo der
Rheinsalm eine Delikatesse war, nicht verübeln
. Seine Klagen gipfeln in dem Satz: „Es
ist ein arms Ding in Summa!" Es ist alles in allem
eine armselige Sache!
Der Konflikt
Viele Dinge kommen zusammen, die Hans
Reiseisen das Leben auf der Hohenschram-
berg vergällen. Es sind nicht allein die armseligen
Wohnverhältnisse und die beschwerlichen
Arbeitsbedingungen, die ihn belasten,
er steckt offensichtlich auch in finanziellen
Schwierigkeiten. Seine Mitteilung, daß er für
das Schreiben des Urbars am Ende 40 fl bekommen
solle, ist offenbar wörtlich gemeint.
Wie könnte er sonst seinen Vater um Geld anbetteln
! Rührend ist seine Bitte an die Mutter,
dem Bauern - er wird von ihm als „meines
Herren vogt" bezeichnet -, der den Brief
überbringe, ein Hemd für ihn mitzugeben,
damit er „nit so bloß mit dem Arß gehen
mueß." Noch lieber wäre ihm freilich, wenn
sie den Stoff für zwei Hemden kaufe und
diese dann selbst nähe. Wenn das geschehen
sei, möge sie die beiden Hemden den Rottweiler
Boten mitgeben, die sie im Wirtshaus
in Schiltach abgeben sollen, von wo sie der
Wirt an ihn weiterschicke. Er wolle ihr den
Stoff so bald wie möglich in Straßburg bezahlen
, spätestens am „Meitag", dem 1. Mai.
Er hat seine Stelle sicher mit einigem Enthusiasmus
angetreten, „doch die Verhältnisse",
um mit Bert Brecht zu sprechen, „sie sind
nicht so". Dazu kommt, daß er sich hier unter
Wert verkauft fühlt, indem er für einen
Hungerlohn die verdorbenen Urkunden aller
möglichen Herren abschreiben müsse. Er
wirft seinem Vater vor, daß er ihn hierher gebracht
habe, ohne an sein Fortkommen und
das Wohl der ganzen Familie zu denken. Damit
nicht genug, er macht ihm sogar den Vorwurf
, daheim träge herumzuliegen, ohne an
sein Ende zu denken. Daher seine dringende
Mahnung an ihn: „Ir solttens baß bedencken,
wa murtz gemalen wurdt." (murtz mhd. letztes
Stück) Es bleibt aber nicht bei diesem
„Memento mori", er als der Älteste von drei
Kindern klagt ihn auch wegen ihrer schlechten
Erziehung an: Er habe sie - man höre und
staune - nicht von Jugend auf zum Arbeiten
und gegenseitigen Helfen erzogen. Was dabei
dann herauskam, liest sich so: „Da umbhen
schlauraffen wir von Jugent uff ghendt, auch
der dem andern ein handt bieten oder ein
crasse (vgl. frz. gras fett - Verf.) suppen mit
den andern nit teilen mag oder kan".
Trotz alledem will er auf dem „Schloß" ausharren
, bis die Arbeit getan ist. Da er aber
dort oben keine Zukunftsperspektive zu haben
glaubt, bittet er den Vater inständig, ihm
danach eine andere Stelle zu besorgen: „Ich
beger doch nichts unbillichs, will mich hir
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gern leiden , so lang ich mag , thunt daz best
allenthalben, es sein für Ämbter, wes es wel-
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len, verrechnete oder unverrechnete , damit
ich nit also im bettelstab muoß ghen".
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ausharren rechtlich festgelegt
kann frei
Auch der Mutter gegenüber schlägt er die
gleichen Töne an: Ihn könne nichts länger
auf dem Schramberg halten als unbedingt nötig
sei. Er habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben
, einen Herrn zu finden, der ihm „zu
essen und drinken, claid und gellt dar zu
gibt".
Darüber hinaus leidet er unter dem Mißtrauen
, das man ihm entgegenbringt: Er
müsse - so beichtet er seiner Mutter - anfangen
, auch unaufrichtig zu sein und niemand
mehr zu vertrauen oder zu glauben, dann
werde er mehr Glück haben. Offenbar
spricht aus diesen Zeilen die Enttäuschung ei-
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