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Der Kontext hilft uns auf die Sprünge, denn
dort ist vom „stündlein" die Rede, „so er die
zit seins lebens entsessen und zum höchsten
besorgt". Könnte sich demnach hinter
„hostha" das lateinische „hora" (Stunde) verbergen
? An der Verunstaltung des Wortes
sollten wir uns nicht stoßen. Die Lateinkenntnisse
des niederen Klerus, der Verwaltung
oder gar des Rittertums waren sehr beschränkt
. In diesem Zusammenhang darf
daran erinnert werden, daß Johannes Öttin-
ger, immerhin Kartograph des Herzogs von
Württemberg, in einem Bericht an seinen
Herrn von 1609 das Urbar des Rochus Merz
in schauerlichem Latein als „liberum aggroh-
rum" bezeichnete.
Wenn also „hora" gemeint ist, dann nach all
dem Gesagten sicherlich nicht irgendein
„Stündlein", sondern zweifellos das letzte.
Wir kennen diesen Hinweis von Inschriften
auf alten Uhren: „Omnes vulnerant, ultima
necat" (Alle verletzen, die letzte tötet) oder
„Ultima latet" (Die letzte ist verborgen). Gemeint
ist dabei jeweils „hora". Was hat es
aber mit dem „madostha" auf sich? Da beide
Wörter wie ein Reimpaar klingen, drängt sich
nach dem korrigierenden Eingriff beim ersten
Wort (sth zu r) beim zweiten „Madora"
auf, gemeint ist damit sicher das lateinische
Matura (maturus reif), das die Älteren noch
als Bezeichnung für die Reifeprüfung kennen.
Das Rätsel scheint damit gelöst! Hans von
Rechbergs Sprichwort müßte eigentlich lauten
: „Hora matura" - „Die reife Stunde", womit
sicherlich die letzte gemeint ist. Ob es
aber eher Erkenntnis als Mahnung ausdrückt,
bleibt offen. Vielleicht wollte es beides! Auch
die überkommene deutsche Version (s.u.)
hilft nicht weiter. In dieser Mehrdeutigkeit
ähnelt es E. Hemingways Romantitel „For
whom the bell tolls" („Wem die Stunde
schlägt"). -
Während der heutige Mensch den Gedanken
an den Tod gerne verdrängt, haben frühere
Generationen in dem Bewußtsein gelebt, daß
sie „mitten in dem Leben . . . vom Tod umfangen
" sind. Und wenn diese Tatsache je in Vergessenheit
zu geraten drohte, wurden sie
durch die Lebensumstände und durch das
mahnende „Memento mori" („Denke daran,
daß du sterben wirst") der Kirche wieder
daran erinnert.
Auch Hans von Rechberg muß wohl stets in
dem Bewußtsein gelebt haben, daß das letzte
Stündlein unausweichlich ist. Denn in der
oben zitierten Bildunterschrift heißt es am
Schluß:
„Sein sprich wortt was: Wenn das stündlein
kumpt". Daß in diesem „Hora matura" auch
Fatalismus mitschwingen könnte, ist eine Vermutung
, die sich einem leicht aufdrängt, aber
im Widerspruch zum Geist der Zeit steht.
Das Sprichwort ist vielmehr Ausdruck der Erkenntnis
, daß - auch das eine Inschrift auf alten
Uhren - „der Tod gewiß, nur die Stunde
ungewiß" ist. Die Art und Weise, wie Hans
von Rechberg sein letztes Stündlein genutzt
hat, ist immerhin bemerkenswert.
Anmerkungen
1 Die Chronik der Grafen von Zimmern
Konstanz u. Stuttgart 1964, Bd. 1, S. 195 f.
(Nhd. Übertragung durch den Verfasser)
St. Martin von Tours: Gedenktag 11. November
3
Besenfelder hat als ehemaliger Bürgermeister von Horb selbst
eine Chronik verfaßt, auf die sich Froben Christoph von Zimmern
gelegentlich stützt
St. Brictius war ein Schüler St. Martins und wurde dessen
Nachfolger als Bischof von Tours: Gedenktag 13. November
Angehörige von Bettelorden, besonders der Franziskaner, so
genannt, weil sie barfuß gingen oder nur Sandalen trugen
6 „D'Kräz", Heft 11, S. 14
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