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Brücke'sche Gefäßstrictur", ein weiteres,
wenn auch weniger bedeutendes Beispiel für
den Namen Heine bei der Bezeichnung einer
Krankheit (Josephs Vetter Jakob hatte 1840
als erster Mediziner die spinale Kinderlähmung
beschrieben, die noch heute auch
„Heine-Medinsche Krankheit" heißt). Als
1873 in der Pfalz eine Choleraepidemie ausbricht
, nimmt dies der siebzigjährige Heine
zum Anlaß für eine letzte Veröffentlichung
über die epidemische Cholera und ihre Behandlung
. Zwei Jahre später tritt er in den
Ruhestand und wird mit dem bayerischen
Personaladel ausgezeichnet. Er übersiedelt
nach München, wo er seinem lange vernachlässigten
Steckenpferd, den altgermanischen
Studien, nachgeht. Im Herbst 1877 erkrankt
er schwer und stirbt am 4. November in der
bayerischen Hauptstadt.
Das Verhältnis zum Vater und zur Familie
Für den heimatgeschichtlichen Betrachter ist
das Verhältnis des Würzburgers Joseph Heine
zu seinem Lauterbacher Vater von besonderem
Interesse. Hier prallen Gegensätze aufeinander
, und hier finden sich interessante
Parallelen in den beiden Persönlichkeiten.
Aus Josephs Bewerbungsschreiben in seiner
Personalakte wissen wir, daß er zusammen
mit seinem Vetter Bernhard von Johann Georg
Heine schon früh in der orthopädischen
Werkstatt ausgebildet wurde. Nach anderen
Quellen war er vom Vater als Nachfolger auserkoren
, ein Wunsch, dem sich der Sohn
durch ein allgemeines Medizinstudium widersetzt
. Diese unterschiedlichen Zielsetzungen
haben wohl das Verhältnis von Vater und
Sohn in den folgenden Jahren bestimmt. Als
der Vater 1829 Würzburg und die Familie verläßt
, muß dies für den sechsundzwanzigjähri-
gen Sohn ein schwerer Schock gewesen sein.
Ein Angebot des Vaters, in Brüssel ein Haus
als Heilanstalt zu übernehmen, lehnt er ab; er
vollendet lieber seine medizinische Weiterbildung
in anderen europäischen Städten. Aus
der Ferne beobachten Vater und Sohn ihr jeweiliges
Tun: Mit Besorgnis erfährt Joseph
von den abenteuerlichen Versuchen des Vaters
in Bereichen der Medizin, für die er keinerlei
Ausbildung besitzt. Als Joseph und
Bernhard während ihrer gemeinsamen Betreuung
des Karolinen-Instituts die Heinesche
Orthopädie durch Krankengymnastik ergänzen
, tut der Vater in Holland dies als „Bajaz-
zenstreiche" ab. Zu einer Begegnung kommt
es erst im Sommer 1838 kurz vor dem Tod Johann
Georgs. Der junge Kantonsarzt in Waldmohr
erhält einen fünfwöchigen Urlaub zur
Reise nach Den Haag, doch kann er dem
schwerkranken Vater nicht mehr helfen, vor
allem auch, weil dieser auf seiner eigenen Behandlungsmethode
mit „fortwährendem Baden
und leerem Schleim" beharrt, und die
„deutliche Verschlimmerung steigerte ihn
nur in den eigenen irrigen Bemühungen." Johann
Georg Heine stirbt am 7. September
1838, Joseph bleibt noch bis Mitte September
in Holland und kehrt dann mit einer Woche
Verspätung zu seinen Dienstgeschäften
zurück. Am Begräbnis des Vaters in Würzburg
am 22. September kann er nicht teilnehmen
. Diese letzte Begegnung und die vorangegangenen
Konflikte mit dem Vater hat Joseph
Heine vier Jahre später in einem Buch
„Physio-pathologische Studien aus dem Leben
von Vater und Sohn, eine Gedächtnisschrift
für Johann Georg Heine den Orthopäden
" verarbeitet, dessen drittes Kapitel mit
der Überschrift „Urtheil" Abrechnung und
Würdigung zugleich ist und das auch interessante
Einblicke in die Persönlichkeit des Sohnes
gibt (Abb. 5). Der Sohn charakterisiert
den Vater als egozentrisch, unbelehrbar, rücksichtslos
gegen Ehefrau und Familie. Jedes Interesse
an Literatur und Kunst habe ihm gefehlt
, er sei „absolut monarchisch in seinen
politischen wie individuellen Gesinnungen"
gewesen, für seine medizinischen Höhenflüge
der Spätjahre habe ihm „fast ganz das
unentbehrliche Bildungsmaterial" gefehlt.
Harte Worte über den Menschen und den
Möchtegernmediziner Johann Georg Heine,
denen dann ein überschwengliches Loblied
auf den Orthopäden folgt, dessen Leistung so
groß war, daß „Kranke, welche noch nach
Jahrhunderten an derselben Heilquelle sich
laben werden, Brustbilder von Georg Heine
... als Votivbilder anhängen sollten." In dieser
Schrift charakterisiert sich Joseph Heine indirekt
selbst als der akademisch gebildete,
selbstbewußte Arzt, der die Pflichterfüllung
über alles stellt, dem Experimente ohne wis-
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