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Quellen - ab. Anselm geht nach Paris und
schließlich nach Rom, und Heine verliert ihn
aus seinem Gesichtskreis. In dieser Episode
sind zwei gegensätzliche Charakterzüge Joseph
Heines gut zu erkennen: Er ist - wie alle
Heines, die es zu etwas gebracht haben -
großzügig und hilfsbereit. Anselm Feuerbach
ist gewiß nicht das einzige Beispiel seiner
Hilfsbereitschaft. Doch zeigt sein Verhalten,
als der junge Künstler seinen eigenen Weg
gehen will, eine gewisse Starrheit und Eigensinnigkeit
, die dem erfolgreichen Arzt auch
von anderen bescheinigt wird. Hier sehen
wir den Sohn Johann Georgs, der gleichfalls
jeglichen Widerspruch zurückweist. Bei Joseph
Heine zeigt sich dieser Charakterzug
auch in seiner Personalakte: 1842 gerät er in
einen Wirtshausstreit mit einem Mitbürger,
wie er ein Beamter, bei dem es offenbar zu
Tätlichkeiten kommt. Beide Beamte werden
von der Behörde abgemahnt, Heine wehrt
sich rechthaberisch in einer langen Eingabe,
aus der wir jedoch nicht den Anlaß des Streites
erfahren. Konkreter ist ein Streit vom Dezember
1845, wo Heine die Erwähnung des
„Freundes Hein" in einem Zeitungsartikel,
der einen anderen Arzt betrifft, als persönlichen
Angriff deutet und bei der Zensurbehörde
protestiert. Der Vorgang nimmt
rund zwanzig Seiten in seiner Personalakte
ein. Eine Episode aus der ärztlichen Praxis
mag dieses zwiespältige Charakterbild noch
mehr verdeutlichen. Als dem Medizinalrat ein
reicher Jude eine hohe Summe bietet, wenn
er seine todkranke Frau behandle, wird
Heine so wütend, daß es zu einem regelrechten
Ringkampf kommt, bei dem die beiden
Kontrahenten die Treppe hinunterstürzen.
Heine betrachtet das großzügige Angebot als
Zumutung und gerät bei seiner Zurückweisung
in Jähzorn. Schließlich hilft er doch und
rettet die Patientin.
* * *
Mit diesem Beitrag über Joseph Heine, von
dem leider kein Portrait aufzufinden war, ist
die Betrachtung der erfolgreichen Vertreter
der Lauterbacher Familie abgeschlossen. Ausgehend
vom heimatgeschichtlichen Interesse,
konnte gezeigt werden, daß im 19. Jahrhundert
in bestimmten Bereichen - die Medizin
gehört dazu - ein rascher sozialer Aufstieg
möglich war. So wurde der Sohn des Bierbrauers
Joseph Heine einer der führenden
Orthopäden Europas, sein Sohn Joseph ein
hoher Medizinalbeamter im Königreich Bayern
. Der Sohn des Weißgerbers Franz Xaver
Heine, Bernhard Heine, wurde zum in ganz
Europa bewunderten Knochenspezialisten.
Jakob Heine, der Sohn des Sonnenwirts Martin
Heine, fand weltweite Anerkennung als
Entdecker der spinalen Kinderlähmung,
während sein Sohn Carl Wilhelm unter den
Chirurgen des 19. Jahrhunderts eine hervorragende
Stellung einnahm. Drei der fünf wurden
in den Adelsstand erhoben, und alle hatten
Verbindung zur geistigen Elite ihrer Zeit.
Literatur (Auswahl):
Memminger, August: Die Würzburger Heine. Separat-Abdruck
aus dem „Würzburger Lokalanzeiger", Würzburg 1904
Hans, Ludwig: Dr. Joseph Heine - Kantonsarzt zu Germersheim
und Abgeordneter im bayerischen Landtag (1849-1852), in:
Heimatbrief der Stadt Germersheim am Rhein, Germersheim
1991
Hirsch, August: Biographisches Lexikon der hervorragenden
Ärzte aller Zeiten und Völker, Berlin 1931
Uhde-Bernays, Hermann (Hg.): Henriette Feuerbach, Ihr Leben
in ihren Briefen, Berlin/Wien 1931
Kern, G.J. und Uhde-Bernays, Hermann (Hgg.): Anselm Feuerbachs
Briefe an seine Mutter, 1. Band, Berlin 1911
Heine, Joseph: Physio-pathologische Studien aus dem ärztlichen
Leben von Vater und Sohn, Stuttgart/Tübingen 1842
Personalakte des Dr. Joseph Heine aus dem Landesarchiv
Speyer, Bestand H2, Nr. 263
Hansen, Heinz: Die Orthopädenfamilie Heine - Leben und Wirken
der einzelnen Familienmitglieder im Zeichen einer bedeutenden
deutschen Familientradition des neunzehnten Jahrhunderts
[eingereicht als Dissertation bei der Medizinischen Akademie
„Carl Gustav Carus" in Dresden im Juni 1993]
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