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sen Vorzug wußte Kräutle zu nutzen, und er
begann unverzüglich mit der Ausgestaltung
der Sammlung, die sich im Museum der Bildenden
Künste befand. Da ein Großteil der
graphischen Blätter der Krondotation angehörte
, konnte er mit der vollen Unterstützung
des musisch veranlagten Königs rechnen
.
War Kräutle bereits früher von der Kunstschule
auf Instruktionsreisen geschickt worden
(Paris, Wien, Nürnberg, München usw.),
so folgten nun weitere Reisen nach Düsseldorf
, Antwerpen, Dresden, Berlin und wieder
nach Wien, Nürnberg und München, alle aus
Etatmitteln spärlich finanziert. Oft fanden
diese Reisen in den Ferien statt, sie führten
zu Ausstellungen oder zum Ankauf wertvoller
Stücke für die kgl. Kunstsammlungen. Dabei
war der Meister der Kupferstichkunst befähigt
, Spreu vom Weizen zu trennen. Ein Do-
rado für Sammler war schon damals die Musenstadt
München, die Kräutle in den Jahren
1890-93 jeweils im Juli besuchte. Die von
den deutschen Fürsten beauftragten Kunstaufkäufer
waren gehalten, mit dem verfügbaren
Etat möglichst viele hervorragende
Werke zu beschaffen. Bei Kräutle tat die
sprichwörtliche schwäbische Sparsamkeit
ein übriges.
Mit unermüdlichem Interesse und völlig unbürokratisch
hob Kräutle die graphischen
Schätze der Sammlung aus dem Dunkel der
Schubladen und Regale und machte sie in
Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich.
Stärke, Selbstlosigkeit und Herzenswärme
wurden ihm nachgerühmt. Es gelang ihm, die
für eine sachdienliche Ergänzung der Sammlung
notwendigen Mittel freizubekommen,
um damit die Bestände von Dürer, Schon-
gauer und anderen Monogrammisten auf eine
stattliche Höhe anzuheben. Vor allem konnte
die Kollektion der Rembrandtradierungen um
eine Anzahl erstklassiger Exemplare erweitert
werden.
Die von Karl August Kräutle als erstem Direktor
der Kgl. Kupferstichsammlung 1892 begonnenen
Jahresausstellungen, durch ein
Höchstmaß an Vorbereitung ermöglicht, fanden
sowohl beim Publikum wie auch bei der
Presse großen Anklang. Man sah in Stuttgart
zum ersten Mal Serien von Stichen eines Dü-
Abb. 2: K. A. Kräutle als Leiter der Graphischen
Sammlung Stuttgart (Sammlung Gertrud Geyer)
rer, eines Rembrandt, bald folgten Arbeiten
von Rethel, v. Cornelius, v. Schwind und vieler
damals neuerer Künstler. Zu den Neuerwerbungen
Kräutles für die Sammlung zählten
Goyas und schließlich Max Klingers berühmte
Radierfolgen. Er, der so manchen bedeutenden
Künstler des 19. Jahrhunderts
noch persönlich gekannt hatte, konnte den
Besuchern der Ausstellungen ein lebhaftes
Bild von ihnen vermitteln. Die Bestände der
Kgl. Sammlung aber wurden durch ihn mit Lithographien
, Holzschnitten und Handzeichnungen
weiterhin angereichert. Neben den
großen Namen, die er einbrachte, öffnete er
das Archiv auch für Werke unbekannter
heimischer Künstler. Doch er war auch nicht
der Mann, der sein eigenes Licht unter den
Scheffel stellte. So schrieb er etwa: „Dem Königlichen
geheimen Cabinet beehrt sich der
gehorsamst Unterzeichnete seinen eben vollendeten
Stich nach E Defreggers Zitherspieler
mit dem ergebensten Ansuchen vorzulegen
, denselben seiner Majestät dem König
mit der unterthänigsten Bitte um huldvolle
Aufnahme überreichen zu wollen.
Verehrungsvoll
Stuttgart, den 17. Oktober 1885
K. Kräutle"
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