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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/kraez_13/0043
Carsten Kohlmann:

JÜDISCHE KAUFLEUTE UND VIEHHÄNDLER
IM RAUM SCHRAMBERG (Fortsetzung)

Seit dem 19. Jahrhundert lebten die württembergischen Landjuden überwiegend vom Handel
mit Stoffen und Vieh. Die Bauern, die im Stall oder auf den Viehmärkten mit den jüdischen
Händlern zu tun hatten, kannten fast alle. Sie stammten größtenteils aus Rexingen
bei Horb am Neckar und kamen zum Viehhandel regelmäßig in die Dörfer.
Obwohl das vertraute „Du" zwischen den Bauern und den in der Umgangssprache als
„Viehjuden" bezeichneten Viehhändlern allgemein üblich war, gab es doch nur wenige
über die alltäglichen Geschäftsbeziehungen hinausgehende Freundschaften. Hinter der bei
den Bauern geläufigen Redensart „Mit einer Hand ghandelt, isch besser wie mit zwei Händ
gschafft" stand das verbreitete Mißtrauen gegenüber dem jüdischen Viehhändler und oft
auch der Neid auf seinen geschäftlichen Erfolg. Auch wenn er beinahe jede Woche auf den
Hof kam, blieb er mit seinem anderen Glauben und den damit verbundenen Lebensgewohnheiten
doch stets ein Außenstehender und Fremder. Viele Bauern schätzten jedoch die
beinahe jedes Stück Vieh abnehmenden jüdischen Viehhändler wegen ihres hilfreichen Rates
in Fragen der Landwirtschaft und der Viehhaltung. Für ein lebhaftes Geschäft auf den
Viehmärkten waren die jüdischen Kaufleute außerdem unverzichtbar. An Sukkoth, dem jüdischen
Laubhüttenfest, das meistens auf den Tag des Viehmarktes im Oktober fiel, blieben
die Juden und demzufolge auch der größte Teil der Bauern zu Hause. Ln der Regel wurde
an diesem Tag weitaus weniger Vieh abgesetzt als an den anderen Terminen des jährlichen
Marktkalenders.

Während sich die christlichen und jüdischen Bewohner in Dörfern wie Rexingen seit der
Zuwanderung der ersten Juden nach dem Dreißigjährigen Krieg mit der Zeit aneinander
gewöhnt hatten, blieb das Verhältnis zwischen den jüdischen Viehhändlern und den Bauern
in Orten mit überwiegend christlicher Bevölkerung immer ambivalent und spannungsreich
.

Wie der Autor im ersten Teil dieser Dokumentation darstellen konnte, entwickelte sich bereits
im 19. Jährhundert bei vielen Bauern und Handwerkern eine aus wirtschaftlichem
Konkurrenzdenken entstandene judenfeindliche Mißstimmung, die sich von Generation zu
Generation fortpflanzte. In dem nun vorliegenden Teil der Forschungsarbeit zeigt der Autor
, wie sich dieser Antisemitismus in den Hungerjahren des Ersten Weltkriegs und der Inflationszeit
auswirken und verstärken konnte. Lm dritten und abschließenden Teil, der im
nächsten Heft erscheinen soll, wird sich der Autor mit den Schicksalen der jüdischen Viehhändler
in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft beschäftigen. Dabei hat
ihn die Spurensuche bis in das heutige Israel geführt.

Lebensmittelversorgung und Viehhandel
im Ersten Weltkrieg

Die Jahre des Ersten Weltkriegs bedeuteten
selbst für die auf dem Land lebenden Menschen
einen schwierigen Kampf um das tägliche
Überleben der eigenen Familie. In
Schramberg und den umliegenden Dörfern
arbeiteten vor allem Frauen als Ersatzkräfte

für die zum Heeresdienst einberufenen Männer
in Tag- und Nachtschichten für die Rüstungsproduktion
der Uhrenfabrik Gebrüder
Junghans. Die Versorgung der Bevölkerung
mit Lebensmitteln und Bedarfsartikeln sollte
während des Krieges mit der sogenannten
Zwangsbewirtschaftung aller Erzeugnisse von
Industrie und Landwirtschaft sichergestellt

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