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und dauerhaft aufrechterhalten werden.
Grundsätzlich basierte die Zwangsbewirtschaftung
auf der Ausschaltung von Angebot
und Nachfrage auf dem freien Markt, da alle
Waren von den Behörden planwirtschaftlich
erfaßt und dann erst an die Verbraucher abgegeben
wurden. Mit einem nach der jeweiligen
Arbeitsleistung und anderen Kriterien abgestuften
Bezugskartensystem wurde genau
festgelegt, wieviel der einzelne Verbraucher
gegen Vorlage einer Lebensmittelkarte für
sich und seine Familie in den Geschäften einkaufen
konnte. Regelmäßig erlassene und in
den Tageszeitungen veröffentlichte Verordnungen
informierten die Bevölkerung über
die von der Zwangsbewirtschaftung betroffenen
Lebensmittel und Bedarfsartikel, deren
Zahl ständig zunahm. Bis zum Ende des Jahres
1916 standen für insgesamt 763 verschiedene
Grundnahrungsmittel, aber auch für
Kleider und Brennstoffe Höchstpreise fest.
Im Verlauf des Krieges erhielten Städte und
Gemeinden bei der Festsetzung der Höchstpreise
größere Freiräume. In Zusammenarbeit
mit den örtlichen Geschäftsleuten und
dem Ende 1917 in Schramberg gegründeten
Verein für Konsumenteninteressen übernahm
die städtische Nahrungsmittelkommission einen
Teil der Verantwortung für die von Jahr
zu Jahr problematischer werdende Lebensmittelversorgung
. Die ersten Engpässe bei
der Abgabe von Grundnahrungsmitteln gab
es im Winter 1915/16. Im sogenannten
„Steckrübenwinter" 1916/17 mußte man
schließlich sogar dazu übergehen, den Brotteig
mit Gersten-, Mais- oder Kartoffelmehl zu
strecken oder statt Kartoffeln nur noch Runkelrüben
auszuliefern. Vor allem in den kalten
Wintermonaten der letzten Kriegsjahre
hungerten und froren die in der Rüstungsproduktion
der Uhrenindustrie bis zur Erschöpfung
arbeitenden Menschen.
Von der Zwangsbewirtschaftung des Lebensmittelmarktes
war natürlich auch der Viehhandel
betroffen, den im Schwarzwald wie
überall in Baden und Württemberg meistens
jüdische Viehhändler fest in der Hand hatten
. Auf den weit und breit bekannten
Schramberger Viehmärkten wurde während
des Krieges immer weniger Schlacht- und
Stallvieh angeboten und verkauft (Abb* 1).

Ende 1918 fielen die Viehmärkte beim
Schlachthof an der Berneckstraße schließlich
ganz aus (Abb. 2). Das Schwarzwälder Tagblatt
berichtete über den am Vitustag (15.6.)
1919 stattfindenden Viehmarkt unter anderem
:

„Dem Rindviehmarkt waren, sage und schreibe, 6 Stück
Vieh von einem der bekannten semitischen Handler zugetrieben
, über einen Geschäftsabschluß und Preislage

g

konnten wir nichts näheres erfahren."

Der Rückgang von durchschnittlich 115
Stück Vieh im Jahr 1912 auf nur noch 6 Stück
Vieh im Jahr 1919 beim Schlacht- und Stallviehangebot
hatte mehrere Ursachen. Wenige
Wochen vor der Rationierung der Fleischvorräte
durch Einführung von Fleischmarken
wurde im Frühjahr 1916 der Viehhandel eingeschränkt
. Nach einer Bekanntmachung des
Stadtschultheißenamtes waren nur noch diejenigen
Kaufleute zum Viehhandel zugelassen
, die den entsprechenden Aufkaufschein
der amtlichen Fleischversorgungsstelle auf
Verlangen vorzeigen konnten (Abb. 3). Der
Versuch, dem umfangreichen Schleichhandel
und den zahlreichen Schwarzschlachtungen
entgegenzuwirken, blieb jedoch ohne größeren
Erfolg. Der Ärger über die Auswirkungen
der Zwangswirtschaft wurde immer stärker,
die meisten Bauern umgingen die Ablieferungsquoten
, und die übrige Bevölkerung beteiligte
sich fast geschlossen an größeren
oder kleineren Hamster- und Schiebergeschäften
, um bei der manchmal kaum noch
das Existenzminimum sichernden Lebensmit-

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telzuteilung überleben zu können. Besonders
hohe Gewinnspannen lagen nach wie
vor beim An- und Verkauf von Vieh, wenn
man die amtliche Fleischversorgungsstelle
umging und das Schlachtvieh über die
Grenze nach Baden brachte. Über die Lage
im Viehhandel berichtete das Schwarzwälder
Tagblatt in einer anschaulichen Darstellung:

„Vom Lande wird uns geschrieben: Was man jetzt auf der
Landstraße am öftesten begegnet, das sind die Viehtransporte
. Ochsen jeder Qualität und Größe, vom einjährigen
Oechslein bis zum schwerfälligen Mastochsen trotten die
Landstraße entlang im Verein mit gemästeten und ungema-
steten Kühen jeden Alters. Schon am frühen Morgen sausen
die Händler auf Rädern aufs Land hinaus, kein Haus
wird übergangen. So überzeugungsvoll wissen sie die Notwendigkeit
des Verkaufes eines Stückes Vieh aus dem
Stalle darzulegen, daß der Besitzer sich gar nicht mehr bedenkt
und das gewünschte Stück Vieh hergibt. Die Preise,
die geboten werden, sind zuweilen schwindelerregend.
Der Bauer hat einen Gewinn, den er am Vieh noch nie er-

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