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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/kraez_13/0046
zielt hat. Ohne daß der Händler das Stück Rindvieh auch
nur einmal gesehen hat, schließt er sogar Käufe ab, und es
gibt kleine Betriebe auf dem Lande, die das letzte Stück
Rindvieh verkauft haben. ,Später kauf ich schon wieder einen
Ersatz in meinen Stall. Von dem Gewinn in meinem
Stall kann ich lange die Milch kaufen und hab keine Arbeit
dabei.' Bauer, laß dich zur Vorsicht mahnen! Mit dem späteren
Viehkauf wird es nicht mehr so glatt gehen, wie du
jetzt meinst. Durch die sinnlose Abgabe der Ochsen und
Kühe, durch die Wurst- und Konservenfabriken Millionen
verdienen, kommt es soweit, daß von dem knapp gewordenen
Vieh nur mit amtlicher Genehmigung noch ein
Stück verkauft werden darf. Wenn aber der Verkauf so eingeschränkt
werden muß, ist auch der Einkauf noch mehr
beschränkt und ,du kannst dein Gras selber fressen', sagte
kürzlich zwar drastisch, aber wahr, ein alter, denkender
Bauersmann."

Von dem auf diese Weise in den Handel kommenden
Vieh sahen die Fleischversorgungsstellen
auch nach dem Erlaß der Handelseinschränkungen
meistens nichts. Durch die
Vergabe der Aufkaufscheine konnte der Viehhandel
zwar etwas besser kontrolliert, aber
der Schwarzmarkt nur ansatzweise zurückgedrängt
werden. Die Schuld an der immer
mangelhafteren Fleischversorgung schoben
viele der selbst am Schleichhandel beteiligten
Personen den jüdischen Viehhändlern zu, deren
andersartige Lebensweise und kaufmännische
Fähigkeiten schon immer das Mißtrauen
der christlichen Landbevölkerung erregt hatten
. Das vor allem auch von der überwiegend
katholischen Dorfbevölkerung in den Um-
landgemeinden gelesene Schwarzwälder Tagblatt
schrieb über den Jahr- und Viehmarkt
am Vitustag im Sommer 1916:

„Dem Rindviehmarkt waren zugetrieben 6 Stück Jungvieh,
4 Rinder, 4 Kalbinnen, 3 Kühe, 1 Farren und 9 Ochsen,
zus. 27 Stück. Auch hier war das Geschäft ruhig bei folgender
Preislage: Jungvieh M 300-700, ein trächtiges Rind erzielte
M 1050, Kalbein M 1300-1500, Kühe M 700-750 je
pro Stück, ein Ochsenpaar (alte) erzielte M 3400. Eisenbahnversand
23 Stück in 4 Waggons (darunter etwas Rücktransport
). Auffallend war, daß ziemlich Viehzüchter ohne
Vieh und ohne Kauflust erschienen waren. Sie wollten
sich offenbar davon überzeugen, inwiefern sie von den alles
abzwackenden semitischen Händlern bei ihren Haushändeln
eines übers Ohr bekommen hatten."

In der Industrialisierung hatte sich mit der
Gründung der Uhrenfabriken und ihrer Zulieferbetriebe
das alltägliche Leben der Menschen
vollständig verändert. Viele Bauern aus
den Umlandgemeinden wie Aichhalden,
Hardt oder Mariazell bewirtschafteten ihren
Hof nur noch als Nebenerwerbslandwirte
und gingen Tag für Tag zur Fabrikarbeit nach
Schramberg, das sich von einem Marktflek-
ken zu einem regionalen Industriezentrum

entwickelt hatte. Obwohl die Landbevölkerung
mit der Zeit der industriellen Arbeitsweise
durchaus aufgeschlossen gegenüberstand
, gab es doch bei vielen, die das Dorf
nur an den Jahrmärkten gelegentlich verließen
, ausgeprägte Vorbehalte gegen den sozialen
Umbruch und technischen Fortschritt der
Industrialisierung. Die auch die eigene Umwelt
betreffenden Veränderungen betrachtete
man einerseits mit einem gewissen Interesse
, aber andererseits auch mit einer im Althergebrachten
verharrenden Distanz. In den
Dörfern wurde durch die am Ort ansässigen
Bauern und Handwerker fast alles hergestellt,
was man zum täglichen Leben unbedingt benötigte
. Erst mit der Industrialisierung entstanden
überregionale Absatzmärkte, die einen
über weite Entfernungen erfolgenden
Warenaustausch ermöglichten. Der noch
größtenteils in der gewohnten Naturalwirtschaft
verwurzelten Bevölkerung - natürlich
gab es auch zahlreiche Ausnahmen - fiel der
Anschluß an die stärker als bisher über die
Ortsgrenzen hinausgehende Wirtschaftsweise
nicht immer leicht. Zum typischen Vertreter
des überregionalen und kapitalwirtschaftlichen
Handels mit Agrarerzeugnissen wurde
für die Landbevölkerung daher der ständig
von Ort zu Ort ziehende jüdische Viehhändler
, der im Warenaustausch zwischen Stadt

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und Land eine Mittlerfunktion einnahm.
Der gestiegene Fleischbedarf der Bevölkerung
und der Bau von Schlachthöfen bedeuteten
für den Viehhandel zwangsläufig, die
Gebiete mit intensiver Viehzucht noch besser
als bisher zu erschließen, um der ständig steigenden
Nachfrage gerecht werden zu können
. Viele jüdische Viehhändler konnten auf
eine langjährige Berufserfahrung zurückblik-
ken und kannten zuweilen jedes Stück Vieh,
das im Stall der Bauern stand. Schon aus dem
eigenen Interesse an zukünftigen Geschäften
gab es nur wenige Betrugs- und Täuschungsversuche
, die zudem meist auf Mißverständnisse
zurückgingen. Obwohl die jüdischen
Viehhändler gut bezahlten und vor allem
auch den beim Viehhandel mit Handschlag
vereinbarten Preis in bar auf den Tisch legten
, ferner Ratenzahlung akzeptierten und
den Bauern Kredite vermittelten, blieb doch
bei vielen Landwirten eine unterschwellige

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