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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/kraez_13/0051
daß da die Getauften und Beschnittenen beim Geschäft
nicht voneinander zu erkennen sind. Eine große Freude
werden die christlich organisierten Arbeiter an dieser
neuen christlichen Organisation wohl kaum haben, ist
doch der Viehhändler, der sich als verteuerndes Glied zwischen
den Produzenten und Verbraucher hineinschiebt,
bei keinem Arbeiter eine beliebte Figur. Daran ändert

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auch die Firma christlich nichts."

Das gegenüber der Vorkriegszeit gesunkene
Realeinkommen, die galoppierende Inflation,
die in Schramberg besonders krasse Verteuerung
von Grundnahrungsmitteln und Bedarfsartikeln
sowie die allgemeine Politisierung
und die sich zum Teil abzeichnende Radikalisierung
der Bevölkerung blieb nach der Novemberrevolution
nicht folgenlos. Insbesondere
die von der Versorgung durch die Landbevölkerung
abhängige Arbeiterschaft forderte
„Standgerichte gegen Wucher und

litt bte SHauet!

* Sdjramberg, 27. September 1919.

911)8 naaj meljr als 4}äf)riger ®rieg3bauer ber ©äffen»
ftillftanb abgefd)Iof|en mar, begann im beutfd)en S^ülfe bie
Hoffnung gu regen, bafj nad) ber langen SeibenSgeit
mieber beffere Sage fommen würben. SDte ftaatlidjen Unt=
miügungen t>oHgogen fid) rafd) unb natjegu unblutig, ba«C>
£>eer mar Ijeimgeferjrt nnb im 2ßirtfdjaft;8Ieben geigten fid;
bte Anlaufe gum Uebergang in ben griebenäbetrieb. 33e=
reit£ im Januar mar eine fleine Söefferung in ber Sebent
Haltung gu nerfbüren — Ieiber nur furge Qt\t, benn bie
garten SBoffenftillftanböbebingungen liefen feinen guten
Stieben erhoffen unb in biefer $Borau3ftd)t begannen
$3ud)er unb ©djletrfjljanbel toteber U)r unljeunltdjeS Xtctbeu.

3n ber (Sfmartung be£ griebenäfdjluffeä Vergingen bie
STconate, aber audj ber griebe erfüllte bie Hoffnungen nidjt.
2£of)I fonnte bie brofjenbe £>ungersmot burdj auilänbifcbe
Lebensmittel abgemenbet merben, ber ^ßreiä berfelben mar
aber berart Ijod), baft nur bas aüernotmenbigfte f)ereinge=
laffen mürbe. S)ann fam bie SSertröftung auf bie neue
(Srnte. 2)e3 £>immeI3 Segen rubjte auf il)r: mie nod) feiten
in einem 3al)re gebieten bie gelbfrüd)te, bie 33aume brachen
unter ber Saft be§ £)bfte», bie beeren in ©arten uno gelb
brachten einen reiben Ertrag unb bie Weinberge oerfbreajen
einen §erbft, mie menige gubor. 3^ur toereingelte Xlumetter
brauten einigen Sdjaben, fonft aber fonnte bie reidje Cirnte
bei günftigftem SBetter unbefajabigt eingebracht merben.
-fteue Hoffnung belebte bie bergen be§ barbenben $Mfey,
Das Ünfäglidjeä gelitten, ba» Scfimerfte ertragen tjatte.

Shtcfjer unb Strebertum aber faugten toetter am 9Jiarfe

be3 Golfes!' .

©ie grud)t am £alme, ba§ Dbft auf ben 33äumen, bie
Traube am Stod mürben aufgefauft, m a tj n f i u u i g e
greife b a f ü r b e 3 a f) 11, um gegen ^iefengeminne in
ba£ Au£l(iub gn toanbern!

SStebemm tff ba3 Ijnngernbe SBolf um feine Hoffnungen

betrogen toorben!

Statt billiger gu merben, ftiegen bie greife für bie £e--
kensljaltung. ftatt ber erhofften SSermefjrung unb $Berbeffe=
$mg bes> täglichen SBroteä bleibt e» beim alten traurigen
3uftanb unb troftloS ift ber 23Iid in bie 3ufunft.

Unb mie mit ber 91 a bj r u n g, fo ging e£ audj mtt ber

Schieber!", die seit 1919 bei dem am Landgericht
Rottweil gebildeten „Wuchergericht"

angezeigt und strafrechtlich belangt werden

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konnten (Abb. 8). Die hohen Geldbußen gegen
Milchfälscherinnen und Schwarzschlachter
waren aber letztlich nur ein Tropfen auf
den heißen Stein. Machte man schon vorher
in der Nacht bei geschlossenen Fenstern und
Türen seine Metzelsuppe, tat man es eben
jetzt noch heimlicher. Gegen den Hunger
und den umfangreichen Schwarzmarkt
konnte auch das „Wuchergericht" mit seinen
abschreckenden Urteilen nichts mehr ausrichten
. Am 10. Juli 1920 kam es zu einer von
gewalttätigen Ausschreitungen begleiteten
Demonstration der Schramberger Arbeiterschaft
gegen die unbezahlbar gewordenen

23cflcibung: ntd)t meljr rutfmctfe, fonbern färungarttg
fdjnetftcu bte greife aller $cbarf»arttfel tu bte .Jpölje! •

(Sine berechtigte Erbitterung f)errfd)t im 23olfe-
gegen ben SBudjergeift unb bie Au§beutur. g§ =
fudjt, bie immer meljt um fid) greifen. 3Me 23tfdjöfe in
itjrcn Hirtenbriefen, bie ^riefter auf ber Langel menben fftjj
gegen ben ocrfludjten §unger nadj ©olb unb ©elb — r>er=
geben«! ©er <&taat aber, beut bie Sftadjt gegeben ift, bem
oerberblicben treiben Einfalt gu gebieten, bleibt untätig!
Sängft fdjon t)at fict) gegeigt, bafj bie © e f e e gegen &>ud)ec
unb Ausbeutung öu m 11 b e finb, bafc bie ©trafen in ifjrer
läcfjerliciien ©eringfügigfeit mirtungs>Io§ bleiben. Sßasi miK
e§ fjeifjen, menn ein llebeltäter, ber 100 000 SKarf ermua^erte,
oicllcia^t mit 1000 2?tarf beftraft mirb, bie bei 23erufung§=
ergreifung noct) Ijcrabgefe^t ober aud) im ©nabenmege noaj
eriaffen merben? SBitt bie Regierung i£)re Stellung be-
Ijauptcn, fotl bem 93oIfc geholfen unb ber brofienbe i^om*
munismug abgemenbet merben, bann mujj fic mit uuerbttt-
Itdjcr Strenge eingreifen!

Stanbgcrtc^tc gegen Surijcr unb 6d)tcber!
Unb smar fo fd)neH mie möglicf), bas ift bie gorberur.g, bie
fid) ergebt! . ^

^ort mit ber falfdjen Humanität, an bte 9)iauer mit

ben Slutfaugcrn!

33cffcr, eö merben einige b,unber.t biefer 2)Zaffenmörber
hingerietet, alö baff ein 23ürgcr?rteg taufeube unfdjulbtge
■C^fcr forbert unb ueueö, unfägltdjeö (Slcnb bringt!

Sie njknjdjen im Mittelalter maren fid)cr liiajt T)art'
tjer^iger mie mir. 2ludj bamal§ nahmen 2Bud)cr unb Siolfs^
au»beutung überl)anb, aud) bamclä bjat gu gro^e SDtilbc bieft
©l)äncn ge3üd)tet. dlux bie graufamften (Strafen
n c r m 0 d) t e n bann, bem 11 n m c f e n © i n b, a 11 3 u
gebieten.

Xarum grünblidje Arbeit! Wlan täujdje fid) in Diegic--
rung^freifen uicfjt: „Ott ^afübtucr finb auf bem 2öcg!"
2Bie oor 115 Satjren in ^ranfreic^, fo mirb in furger 3C'^*
in Seutjcblanb bic ^ölle Iol> fein. 2oll ba§ llnbcii abge--
menbet merben, tot II bie Dtegicrung baö £anb üoi bem
bro^enben Sumpfe bema^ren, bann: r a f e Arbeit,
gange Arbeit! 2o lange bicfcS Sumpcnpacf mit ©lace-
f)anb|d)ul)en angefaßt mirb, ifi an eine burd)fd)Iagenbe Acn>
beruug uid)t gu benfen.

An bte Sftaucr mit ben (SIcnbcn!

Abb. 8: Auszug aus einem Leitartikel mit der Schlagzeile „An die Mauer!" aus dem Schwarzwälder Tagblatt
v. 28.9.1919

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