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Preise der örtlichen Geschäftsleute. Die Unzufriedenheit
mit der Lebensmittelversorgung
und die in der Not bis zur Gewaltbereitschaft
gehende Verbitterung bei der Suche
nach den vermeintlich Schuldigen brachte
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die Menschen zu Tausenden auf die Straße.
Die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung
blieb bis zum Ende der Inflation und der Einführung
der Rentenmark ein Problem. Kinder
und Jugendliche litten an den Folgen der Unterernährung
. Trotz der Viehsperre zwischen
Baden und Württemberg kamen regelmäßig
Metzger und Viehhändler von weither in den
Schwarzwald, um den Bauern mit über den
Höchstpreisen liegenden Angeboten das Vieh
abzuhandeln. Über die großen Viehtransporte
berichtete noch Ende 1922 die überwiegend
von Mitgliedern der SPD und der
Vereinigten Freien Gewerkschaften gelesene
Schwarzwälder Volkswacht:
„Gestern wurden wieder zwei Waggon Vieh aus unserem
Bezirk abtransportiert. Diesmal waren es neben älteren
Kühen recht fette schlachtreife Ochsen, die durch die
Viehhändlerbande in unserem Bezirk zusammengekauft
und unter jüdischem Segen in alle Welt verschickt
wurden. Daß damit die Fleischpreise immer weiter und
weiter in die Hohe getrieben werden, haben wir schon oft
hervorgehoben, aber alle Klagen, Beschwerden und Ermahnungen
scheinen nichts zu fruchten, bis eines Tages
der große Krach sitzen wird. Die große Beweglichkeit der
Viehtransporte, die dank der republikanischen Eisenbahn-
verwaltung es ermöglicht, das Vieh mittels der Bahn nach
allen Himmelsrichtungen zu bringen, ist mit eine Hauptursache
der schädlichen Viehverschleppung und damit der
Fleischteuerung. Bahnangestellte und Arbeiter sind noch
behilflich, das Vieh einzuladen, als ob für sie nichts nützlicheres
zu tun wäre. Einer unserer Kollegen wollte wissen,
wohin der Transport gehe, erhielt aber von den Bahnbeamten
keine Auskunft. Im Interesse des Schiebertums
wurde dies als Geheimnis behandelt. Das ist natürlich eminent
wichtig, denn sonst würde ja das Viehschiebergeschäft
nicht blühen; das Volk mag hungern, wenn nur die
bahnamtlich ge- und beförderte Schieberei blüht (.. ) Wir
möchten da doch noch einmal eindringlich davor warnen,
die Dinge so weiter treiben zu lassen. Wenn alle Klagen
und Verwarnungen nichts helfen sollen, wenn Orts-, Bezirks
- und Landesbehörden, und wie wir eben sehen, auch
die Eisenbahn blind und taub gegen diese Klagen sind und
mitleidlos dieses Schiebergesindel gegenüber dem nach
Lebensmittel schreienden Volke noch begünstigen, den
Wucher sozusagen sanktionieren und unter ihre Fittiche
nehmen, dann bleibt eben nur die Selbsthilfe übrig. Diese
wird, wenn nicht raschestens Abhilfe geschaffen wird,
sehr bald eintreten. Das Maß ist voll. Noch ein solcher
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Fall, wie den gestern beobachteten, und es läuft über."
Mit dem Ende der Inflation stabilisierte sich
auch die wirtschaftliche Lage wieder. Die
schon seit dem Kriegsende teilweise aufgelöste
Zwangsbewirtschaftung wurde endgültig
abgeschafft. Das Lebensmittelangebot nahm
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wieder zu. Von einem verbreiteten Antisemitismus
der Bevölkerung war zumindest in
den verschiedenen Regionalzeitungen in der
zweiten Hälfte der zwanziger Jahre nichts
mehr zu bemerken, obwohl die Vorurteile gegenüber
den Juden in der Mentalität der Bevölkerung
immer noch eine große Rolle
spielten. Der sich in den Hungerjahren des
Ersten Weltkriegs und der Inflationszeit verstärkende
Antisemitismus wurde wenig später
, in der Weltwirtschaftskrise, von der nationalsozialistischen
Propaganda wieder aufgegriffen
, um die Juden bis zur Deportation in
die Vernichtungslager vollständig aus dem öffentlichen
und wirtschaftlichen Leben zu verdrängen
.
(wird fortgesetzt)
Anmerkungen
1 Vgl. hierzu und zu den folgenden Ausführungen: Kohlmann,
Carsten: Schramberg in der Weimarer Republik - Eine Industriestadt
im Umbruch. In: Momentaufnahmen Schramberg.
Ein Lesebuch 1867-1992, Schramberg 1992, S. 35/36
2
Vgl. hierzu und zu den folgenden Ausführungen. Geyer, Martin
H.: Teuerungsprotest, Konsumentenpolitik und soziale
Gerechtigkeit während der Inflation: München 1920-1923.
In: Archiv für Sozialgeschichte, Band XXX, Bonn 1990, S.
181-215
3 Ebd., S. 185
4 Schwarzwälder Tagblatt v. 16.12. und 21.12.1918
5 Geyer, a.a.O., S. 185/186
Richarz, Monika: Vierihandel und Landjudentum im 19. Jahrhundert
. Eine symbiotische Wirtschaftsbeziehung in Südwestdeutschland
. In: Menora. Jahrbuch für deutsch-jüdische
Geschichte 1990, München 1990, S. 73
7 Schwarzwälder Tagblatt v. 16.10.1918
8 Schwarzwälder Tagblatt v. 19.6.1919
9 Geyer, a.a.O., S. 186
10 Schwarzwälder Tagblatt v. 30.1.1916
Schwarzwälder Tagblatt v. 17.6.1916
12
Vgl. hierzu: Lixfeld, Gisela: Schrambergs Entwicklung zur Industriestadt
. In: Momentaufnahmen Schramberg. Ein Lesebuch
1867-1992, Schramberg 1992, S. 28ff.
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