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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/kraez_13/0081
Karoline Grüner:

DER RUECH (Fortsetzung)

Endlich dürfen wir die Hochzeit von Wilhelm und Magdalene miterleben. Karoline Grüner
schildert sie so farbig und genau, daß wir uns ein gutes Bild davon machen können, wie
ein solcher Festtag in Schramberg einstens gefeiert wurde. Dabei erfahren wir glücklicherweise
nicht nur sehr viel über die Sitten und Bräuche, die einem solchen Tag sein Gepräge
und Gepränge gaben, sondern auch manches über die Gedanken und Gefühle, welche die
Menschen bei dieser „höchgezite" bewegten.

VIII.

Der Hochzeitstag war angebrochen. Die
Berge glänzten in feuerroten und gelben Farben
, wie sie nur der Herbst hervorzubringen
vermag.

Eine Stunde vor dem Kirchgang schritt die
Brunnenkasperi (Frau Salzgeber) auf das Küferhaus
zu. Sie war eine große, stattliche Person
. An der Hand führte sie ein etwas lOjähri-
ges Mädchen, das ein weißes Schirtingkleid-
chen1 trug. Um seinen Kopf war ein grünes
Kränzchen aus Efeublättern geschlungen, die
auf ein schmales, blaues Seidenband genäht
waren. Als sie an der Haustüre ankamen,
sagte sie zu dem Mädchen, es solle nun alleine
in die Stube hinaufgehen und so tun,
wie sie es ihm gesagt habe. Sie selbst werde
noch etwas warten und dann nachkommen.
Leichtfüßig sprang das Mädchen die Stiege
hinauf und trat in die Stube, wo sich die
Hochzeiterin mit ihren Eltern befand. Nachdem
es allen einen guten Morgen gewünscht
hatte, ging es auf Magdalene zu, gab ihr die
Hand und sagte: „Ich wünsche Dir viel Glück
zu Deinem Ehrentag und wünsche, daß es
Dir immer gutgeht." Während es so sprach,
betrachtete es die Hochzeiterin von oben bis
unten. Der Küfer, der das bemerkte, sagte zu
ihm: „Gelt, Bärbeli, Du möchtest au emol e
so e sidis Kload." Das Bärbeli schüttelte den
Kopf und erwiderte: „Des woaß i schau, daß i
nie koa sidis Kload krieg. Aber i will e Nai-
heri weare, no mach i au so Kloader." Hätte
das Bärbeli in die Zukunft blicken können,
dann hätte es gesehen, daß auch es einmal
seidene Kleider tragen würde.
Nun trat auch Bärbelis Mutter in die Stube.

Magdalene ging ihr entgegen, um sie zu begrüßen
: „Mir hent Angst ghett, ihr könntet
gar it kumme, weil s'Bärbeli elloa kumme
isch." Die Brunnenkasperi war nämlich ihr
Gottli (Taufpatin). Diese erwiderte: „I han
halt s'Bärbeli vorusgschickt, daß Dir e unschuldig
Kind z'erst Glück wünscht an dim
Hochzigtag. Mer seit, es gang einem viel besser
, wenn s'erscht wo zum gradiere kummt, e
Kind sei. Mir hot au e Kind z'erst gradiert,
und es isch üs, gottlob, au ällwil guet gange.
Mier sind ällewil oadili gsund gsi, daß mer all
dag üser Brot henn kenne verdiene. Wie han
i nu so gueti Plätz zum Wäsche und Taglöh-
nere: Im „Lamm" (Maurer), bi s'Wißgerbers
Fidelis (Tritschler) und bi s'Brunnebecke
(Storz) krieg i so guet's Esse. Speck und Wi
zum Dribrot und zum Nachtesse prägleti
Erdäpfel und g'standeni Milch mitsamt dem
Merra3. Wenn i koa Glück hett als mi Bue, dr
Ferdinand, no hett i grad Glück gnueg. Wenn
i furtgang, gi wäsche, no versorget er älles,
wie wenn i's selber tät. Er stoht ällmol schau
mit mir uff und strickt, daß i uff die reacht Zit
mini Kittel abliefere ka. Er hott koane Fehler
als den, daß er soviel liest. Wenn er ka, setzt
er sich mit em Buech innen Winkel, no hört
und sieht er nint meh. Wenn i no so arg
wehr, bringt er doch ällewil wieder so e
Kräuter- oder e Dokterbuech hoam. I will nu
au seah, was us dem Bue no wurd, wenn's
Gotts Will isch, daß i no e paar Johr leb." Die
Küfersleute freuten sich über diese Zuversicht
, denn sie wußten, daß der Ferdinand
ein selten begabter und tüchtiger Mensch
war.

Nun traf der Hochzeiter in Begleitung seiner

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