http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/kraez_13/0082
Verwandten und Bekannten ein. Die Hochzei-
terin und ihre Eltern hatten viel zu tun, bis
sie alle begrüßt und die Glückwünsche entgegengenommen
hatten. In der Stube, die sehr
geräumig war, standen mehrere Tische, die
mit schneeweißen Tischtüchern gedeckt waren
. Der längste war zum Kaffeetrinken gerichtet
. Große, knusprige Gugelhopfe und
Hefekränze standen einladend darauf. Die
Vollmerin und ihre Tochter Theres trugen
große, zinnerne Kannen mit Kaffee auf und
bedienten die Hochzeitsgäste. Magdalene in
ihrem zartlila-seidenen Hochzeitskleid, das
ihr vorzüglich stand, wurde allgemein bewundert
. Die Brunnenkasperi nutzte das und
stahl sich heimlich in die Küche, wo die Küferin
gerade Gebackenes aufschnitt. Auf deren
Frage, warum sie nicht zum Essen in der
Stube bleibe, antwortete sie: „Guck, Verone,
die Verwandte vom Hochziter sin älli so grausig
vornehm anzöge, i kan it mit Dir vorus-
laufe, do pass' i mit mim brune Orleans-
Kload it seil derzue". Magdalenes Mutter antwortete
: „Du wursch doch koani Umständ
mache, Du bisch s'Gottli und g'hörsch zu
mier voarne na. I han au nu e Merino-Kload5
und e wulleni Schnellerkapp . Kumm, i han
uff dr hüttig Tag Schuehwichsi kauft, jetzt
tuescht Du Dini Schueh no wichsi, daß Du
dene andere au glich siehsch." Die Brunnenkasperi
erwiderte: „I tät moane, i hett Hörner
uff7, Venn i g'wichsti Schueh a'hett. I han die
mine mit kaltem Schwinischmalz g'schmiert
und han si mit dr Hand ordentli nigriebe,
jetzt glizet sie au ganz guet." Die beiden gingen
daraufhin in die Stube zurück, wobei
jede einen Teller mit geschnittenem Gugel-
hopf trug. Den Gästen schien alles recht gut
zu schmecken. Neben dem Gebackenen und
Kaffee gab es auch Bratwürste und Wein. Alle
waren sehr fröhlich, lediglich der alte Benz
meinte, es hätte es auch eine bescheidenere
Morgensuppe getan.
Die Ankunft der Musikanten brachte noch
mehr Leben ins Haus. Sie waren bestellt worden
, den Hochzeitszug in die Kirche zu begleiten
. So wurde es eine rechte Hochzeit!
Als die Zeit zum Kirchgang heranrückte,
brachte die Deckel-Näheri - sie hatte in Straßburg
einst das Nähen gelernt und trug seither
stets einen Hut - aus der Kammer etwas, das
in Papier eingewickelt war. Sie hatte das
Hochzeitskleid für Magdalene gemacht, hatte
ihr am Morgen siebenfache Zöpfe geflochten
und nun den Gästen Hochzeitssträuße angesteckt
. Sie entnahm dem Papier einen schönen
, prachtvoll gewirkten Schal und legte ihn
der Braut um die Schultern. Er war aus feinster
weißer Wolle gearbeitet, nur an den Rändern
waren in zarten Farben Rosen eingewirkt
. Er hob sich überaus schön vom Hochzeitskleid
ab. Die Gäste kamen nicht mehr
aus dem Staunen heraus, bis der Küfer aufstand
, sich in die Mitte der Stube stellte und
aus einem Gebetbuch ein für die Hochzeit
passendes Gebet vorbetete. Drei Vaterunser
und das Glaubensbekenntnis, von allen gemeinsam
gebetet, schlössen sich an. Inzwischen
waren die Musikanten schon hinausgegangen
und begannen, das Lied zu blasen:
Komm heraus, komm heraus,
Du traurige Braut,
Verlasse nun Dein Vaterhaus
Und folge dem Manne, den Du erwählt,
von Liebe zu ihm ist Dein Herz ja beseelt.
Die Braut war in der Tat traurig! Der Abschied
von den Eltern war schwerer, als sie es
sich vorgestellt hatte. Die mahnenden Worte
ihres Vaters, daß sie in der Familie des Bräutigams
nichts Gutes haben werde, lasteten wie
eine Zentnerlast auf ihrer Seele. Doch zuletzt
siegte ihr Gottvertrauen. Gefaßt gab sie ihren
Eltern die Hand und dankte ihnen noch einmal
für all das Gute, das sie ihr erwiesen hatten
.
Mittlerweile stellte sich der Hochzeitszug auf,
an der Spitze die Musikanten, dann folgten
die Kleingespiele , das Bärbele und der Karle,
welcher einer Schwester des Hochzeiters, die
in Rottweil verheiratet war, gehörte. Dann
kam die Hochzeiterin mit dem Großgespief,
der Vollmers Katharine. Diese trug ein
schwarzes Tibet-Kleid und über die Schultern
ein Zipfelhalstuch mit seidenen Fransen. Letzteres
war silbergrau und reichte bis zu den
Hüften. Die langen Zöpfe wurden durch einen
hohen Aufsteckkamm gehalten, ein
Kranz von weißen Rosen schlang sich um
den Kopf.
Nun folgte der Hochzeiter mit dem Ehrengesellen
, dem husligroßen Gregori vom Kirn-
80
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/kraez_13/0082