http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/kraez_17/0052
ausgehen, daß politische Meinungsverschiedenheiten
zur Spaltung führten, wie das im Kaiserreich
oft der Fall war. Der Name „Freiheit"
sollte im Gegensatz zu „Frohsinn" nicht für die
vorrangige Freude am Gesang stehen, sondern
vor allem ein politisches Bekenntnis zur Arbeiterbewegung
ablegen. Freiheit bedeutete -
so eine spätere Quelle - im Bewußtsein der sozialistischen
Arbeiterbewegung:
„Freiheit ist Gemeinschaft, und wir alle
kämpfen, bis allen die Freiheit errungen
ist (...) Freiheit ist kein persönliches
Glück. Freiheit ist Sturm. Freiheit
ist Kampf von allen für alle. Freiheit ist
Liebe, und nur wenn Liebe ist, kann
Freiheit sein (...) Genosse zu sein heißt
liebend als Bruder zu kämpfen für die
Freiheit von uns allen (...) Doch Sozialismus
ist Eines. Er ist Liebe in Freiheit
und Freiheit in Brudertum, und unter
diesem universalen, herrlichen, siegenden
sittlichen Gedanken zerbricht die
alte Welt" (SVW17.8.1929).
Die Entwicklung der Arbeiterkulturbewegung
im Kaiserreich seit den 1890er Jahren war ein
wichtiger Beitrag zur Lager- und Milieubildung
in der Gesellschaft.11 Im Kaiserreich kam ein
Bekenntnis zur sozialistischen Arbeiterbewegung
sozialer Isolation gleich, da die Gewerkschaften
und die Sozialdemokratie von den
Behörden bekämpft wurden und ein Feindbild
des Bürgertums waren. So blieben zum Beispiel
die meisten Lauterbacher Gastwirtschaften
den „verhaßten 'Roten'" über lange Zeit verschlossen
(SVW 2.7.1931).Die Entstehung der
Arbeiterbewegung polarisierte das Gemeindeleben
auf vielen Ebenen und schlug sich bald
auch in Arbeitskämpfen nieder (SVW
23.11.1932). Von dieser zunehmenden Spaltung
in Milieus und der Bildung von Lagern waren
insbesondere auch die Vereine betroffen,
die im Kaiserreich eine flächendeckende Verbreitung
erlebten und als „Instanzen lokaler
Identität" maßgeblich Alltagskultur und Lebensweise
bestimmten.12 Die Hauptbedeutung
der sozialistischen Arbeiterbewegungskultur
lag aber nicht in alternativen Kulturkonzeptionen
für die Freizeitgestaltung, sondern vielmehr
in erster Linie in der Reaktion auf die soziale
und politische Realität der Gesellschaft
des Kaiserreiches.13 Der Eintritt in einen der
zahlreichen Vereine wie den Deutschen Arbeitersängerbund
(DAS) war damit vor allem ein
Protest gegen eine als ungerecht empfundene
Gesellschaftsordnung und ein bewußtes Eintreten
für mehr Freiheit und Demokratie auf
sozialistischer Grundlage.14 Die Arbeitersänger,
die bereits im Kaiserreich die zahlenmäßig
stärkste Kulturorganisation der Arbeiterbewegung
waren, verstanden sich daher auch selbst
als „rote Feldmusik" des Proletariats und als
„Waffengattung der großen kämpfenden Arbeiterpartei
".15
Nach Weltkrieg und Novemberrevolution
konnte die Arbeiterbewegung mit der Tarifpartnerschaft
oder dem allgemeinen Wahlrecht
einige ihrer langjährigen Forderungen
durchsetzen, spaltete sich aber endgültig in
verschiedene Richtungen auf. Das veränderte
politische Kräfteverhältnis äußerte sich auch
in Lauterbach in der Bildung eines Arbeiterund
Bauernrates (ST 11.6.1919) und zeigte
sich bei den Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung
am 19. Januar 1919, als die SPD
mit 36,7% der abgegebenen Stimmen zur
zweitstärksten politischen Kraft aufstieg (Abb.
3). Die Entwicklung der Wahlergebnisse in
Lauterbach vermittelt ein anschauliches Bild
von der Größe der verschiedenen Lager und
Milieus in dieser Gemeinde. An den ersten
Wahlerfolg konnte die SPD in der Folgezeit
nicht mehr anknüpfen und erreichte nur noch
weit unter dem Landes- und Reichsdurchschnitt
liegende Ergebnisse. Eine starke Konkurrenz
stellten zunächst die USPD und später
die KPD dar, die in der Arbeiterbewegung mit
der SPD konkurrierten und für lang anhaltende
politische Spannungen in der Arbeiterbewegung
sorgten (SVW 1.9.1923/SVW 13.11.
1930). Das sozialistische Arbeitermilieu in der
Gemeinde Lauterbach segmentierte sich in
einen sozialdemokratischen und einen kommunistischen
Flügel, die aber beide nach wie
vor die Basis der Arbeiterkulturbewegung in
der Weimarer Republik bildeten. Im Gemeinderat
wurden die Gewerkschaften und Sozialdemokraten
von Karl Frey, Richard Hug, Josef
Neudeck, Paul Maurer (ST 31.5.1919), Lukas
Maurer (SVW 26.11.1928) und Pius Schwab
(SVW 8.12.1931) vertreten.
In der Weimarer Republik erlebte die Lauterbacher
Arbeiterbewegung wie andernorts ihre
50
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/kraez_17/0052