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„sozialen Frage" setzte aber sowohl im Katholizismus
wie im Protestantismus zunächst nur
ansatzweise ein, wenngleich es bereits auch
schon sehr frühe Initiativen gab.14
Eine dieser sehr frühen Initiativen waren die
seit 1846 durch den katholischen Geistlichen
Adolf Kolping (1813-1865) gegründeten katholischen
Gesellenvereine, die als Wegbereiter
einer beginnenden christlich-sozialen Bewegung
im Katholizismus betrachtet werden
können.15 Einen bedeutenden Fürsprecher
fand die christlich-soziale Bewegung im Katholizismus
in Erzbischof Wilhelm Emmanuel Ketteier
(1811-1877) von Mainz, der 1864 mit
seinem Buch „Die Arbeiterfrage und das Christentum
" eine wegweisende Programmschrift
zur „sozialen Frage" aus katholischer Sicht veröffentlichte
.16 Im Gegensatz zur bis dahin vorherrschenden
katholischen Sicht sah er die
Gründe für die „soziale Frage" nicht mehr nur
in religiösen und sittlichen, sondern auch in
sozialen und wirtschaftlichen Fehlentwicklungen
. In seiner Schrift trat er ausdrücklich für
die Selbstorganisation der Arbeiterschaft ein
und entwarf eine in die sich nun entwickelnde
katholische Soziallehre eingehende Theorie
von Gemeinwohl und Solidarität mit dem Ziel
eines Interessenausgleichs und einer Sozialpartnerschaft
.17 Auf dieser Grundlage entstanden
in den 1860er-Jahren einige erste christlich
-soziale Vereine mit Schwerpunkten an der
Ruhr, am Niederrhein und an der Saar, die aber
durch den Kulturkampf in Preußen wieder eingingen
und sich nicht überregional ausbreiten
konnten.18
Die schwierige politische, soziale und wirtschaftliche
Lage der Arbeiterschaft ließ aber
die sozialdemokratische Arbeiterbewegung
kontinuierlich erstarken, woran auch das als
„Sozialistengesetz" bezeichnete „Gesetz gegen
die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie
" von 1878 bis 1890 nichts ändern
konnte.19 Die Sozialdemokraten fanden in der
modernen Industriearbeiterschaft zahlreiche
Anhänger, die dem christlichen Glauben bereits
vielfach entfremdet waren und die Religionskritik
der historisch-materialistischen
Weltanschauung übernahmen. Die Kirchenbindung
blieb zwar auch in der sozialdemokratischen
Arbeiterbewegung immer erstaunlich
groß - die Kirchenaustritte wurden nie eine
Massenbewegung -, aber dennoch wurde ihre
Religionskritik von den Kirchen als die zentrale
Herausforderung des Industriezeitalters begriffen
.20
Die christlich-soziale Bewegung im Katholizismus
wurde dann vor allem durch den Verband
Arbeiterwohl weitergetragen, der 1880
durch den Unternehmer Franz Brandts (1834
bis 1914) in Mönchengladbach gegründet und
durch den Priester Franz Hitze (1851-1921) als
Generalsekretär geprägt wurde, der besonders
nachdrücklich dafür eintrat, die katholische
Arbeiterschaft in katholischen Arbeitervereinen
zu organisieren. Franz Hitze erklärte 1884
bei einem Katholikentag: „Wir müssen der
organisierten Socialdemokratie eine christliche
Organisation entgegenstellen. Wir müssen aus
unseren christlichen Arbeitern eine wohlgeschulte
, wohl gewaffnete Armee bilden, die
der Socialdemokratie auch in die Fabrik und in
die Werkstätte hinein folgt. Der Kampf zwischen
Glaube und Unglaube wird nicht mehr
auf dem Katheter, nicht mehr auf der Kanzel
zum Austrag kommen, er ist in unser Volk
selbst hineingetragen. Hier wird die Entscheidung
fallen."21
Dieser Aufruf löste in den 1880er-Jahren eine
Gründungswelle katholischer Arbeitervereine
aus, die ab 1890 vom Volksverein für das
katholische Deutschland unterstützt wurden,
der sich als Dachverband des katholischen Vereinswesens
, als Massenorganisation der katholischen
Bevölkerung und als Kampfinstrument
gegen die sozialdemokratische Arbeiterbewegung
verstand.22 Mit der bedeutenden Sozialenzyklika
„Rerum novarum" des Jahres
1891 wurde von Papst Leo XIII. (1810-1903)
das Recht der Arbeiterschaft zu Zusammenschlüssen
und damit auch die katholische
Arbeitervereinsbewegung sowie die ersten
Christlichen Gewerkschaften grundsätzlich
anerkannt.23 Bei der Bildung dieser Berufsverbände
wurden aber von Beginn an zwei verschiedene
Richtungen eingeschlagen: Die eine
Richtung trat für so genannte Fachabteilungen
in den bereits bestehenden katholischen
Arbeitervereinen unter kirchlicher Leitung
ein, die andere Richtung sah dagegen in der
Gründung interkonfessioneller Gewerkschaften
ohne kirchliche Leitung den besseren und
insbesondere für die Vertretung sozial- und
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